Lebendige Erinnerung

21. April 2005

Heinz Kluncker

Heinz Kluncker (* 20. Februar 1925 in Barmen (heute zu Wuppertal); † 21. April 2005 in Stuttgart) war ein deutscher Gewerkschaftsboss.
Der gelernte Industriekaufmann war von 1964 bis 1982 Vorsitzender der ÖTV (heute ver.di) und für eine harte Tarifpolitik und nachdrückliche Vertretung von Arbeitnehmerforderungen bekannt. 1974 machte er bei Lohn-Verhandlungen mit der Regierung Willy Brandt Schlagzeilen, als die Müllwerker 3 Tage streikten.

Lebenslauf
Der Sohn eines sozialdemokratischen Schlossers wuchs als Einzelkind in Wuppertal auf. Dort schloss er 1939 die Volksschule ab und begann eine Kaufmannslehre im Textilgrosshandel. Er trat der HJ bei, was er später bedauerte. 1942 legte er eine Handlungsgehilfenprüfung ab und arbeitete als Expedient. 1943 wurde er zur Wehrmacht eingezogen. Im Juni 1944 desertierte er in der Normandie und begab sich in US-amerikanische Kriegsgefangenschaft, in der ein „Atlantiker“ aus ihm wurde.

1946 wurde Kluncker aus den USA nach Deutschland entlassen, arbeitete als Polizist und trat in die ÖTV und die SPD ein. Im gleichen Jahr wechselte er als hauptamtlicher Sekretär in die ÖTV. Von 1949 bis 1951 studierte er Volks- und Betriebswirtschaft, Soziologie und Jura an der Akademie für Gemeinwirtschaft in Hamburg. Einer seiner Lehrer war der spätere Bundesminister Karl Schiller. Ab 1952 war Kluncker Sachbearbeiter der ÖTV in Stuttgart.

Politische Tätigkeit
Von 1964 an war er Vorsitzender der ÖTV, die damals 1,4 Mill.Mitglieder hatte. Bei seinem Amtsantritt war der 39jährige jüngster Gewerkschaftschef Deutschlands. Er konnte in harten Tarifkämpfen weitreichende und wegweisende Tarifabschlüsse erzielen. Dazu gehörte die Einführung der 40-Stunden-Woche und des 13. Monatsgehalts im Öffentlichen Dienst. 1974 führte er den heftigsten Streik des Öffentlichen Dienstes: mit einem 3tägigen Streik der Müllwerker und Straßenbahner erreichte die ÖTV gegen den Willen von Bundeskanzler Willy Brandts eine Tariferhöhung von 11%. Beide verneinten aber, dass dies zu Brandts Rücktritt beigetragen hätte.

Heinz Kluncker nahm 1964 als erster im DGB Kontakte zu den kommunistischen Gewerkschaften Osteuropas auf. Seine damalige Reise nach Karlsbad in der Tschechoslowakei galt als politische Sensation. Später konferierte er mit dem FDGB der DDR und war der erste deutsche Gewerkschaftschef, der offizielle Beziehungen mit kommunistischen Gewerkschaften aufnahm. Während dies zur Entspannungspolitik der SPD passte, stieß seine Teilnahme an zwei Kongressen der polnischen Solidarnosc-Opposition auf deren Mißbilligung. Von 1978 bis 1982 war Kluncker zugleich Vizepräsident der Internationalen Transportarbeiter-Gewerkschaft. Bis 1985 blieb er noch Chef der Internationale der Öffentlichen Dienste (IÖD). 1992 half er beim Aufbau unabhängiger Gewerkschaftsorganisationen in Kroatien.

Am 2. Juni 1982 trat er auf ärztlichen Rat, aber für die Politik überraschend, von seinem Amt zurück. Er wog zu diesem Zeitpunkt 135 Kilogramm und hatte massive Herz-Kreislaufbeschwerden. Seine Nachfolgerin in der Funktion der Gewerkschaftsvorsitzenden wurde Monika Wulf-Mathies.
In den 1980ern engagierte er sich noch auf Brandts Bitte in der SPD-Programmkommission und war 1990 bis 1995 Vorsitzender von deren Seniorenrat.

In seinen letzten Lebensjahren lebte Kluncker zurückgezogen in Stuttgart. Er starb im April 2005 nach schwerer Krankheit, wenige Wochen nach seinem 80. Geburtstag.

In einem Nachruf hieß es: Von guten Freunden und Kritikern gleichermaßen aufgrund seines Umfangs stets „der Dicke” genannt, galt er als der mächtigste Gewerkschaftsführer Deutschlands, wozu seine dröhnende Stimme nur allzugut passte. Für viele Wirtschaftsbosse war er oftmals „der Buhmann der Nation”. Anerkennend wurde vermerkt, dass seine Verhandlungsführung davon unabhängig war, ob seine Kontrahenten von der SPD waren oder (wie z.B. Innenminister Genscher) von der FDP. Der ver.di-Vorsitzende Frank Bsirske würdigte Kluncker in einer Pressemitteilung Ende April als „bedeutende Persönlichkeit“ und „Wegbereiter der Aussöhnung mit dem Osten“.

Literatur
Hans-Otto Hemmer, Hartmut Simon (Hrsg.): Immer ein bisschen anders. In: Auf die Wirkung kommt es an: Gespräche mit Heinz Kluncker. Frankfurt am Main 2000
Max Goldt: Schließ einfach die Augen und stell dir vor, ich wäre Heinz Kluncker: Ausgesuchte Texte 1991-1994. München 1999
Dröhnende Stimme der ÖTV. Zum Tode von Heinz Kluncker, FAZ/ban 23. April 2005.

Weblinks
Literatur von und über Heinz Kluncker im Katalog der DDB
Heinz Kluncker: Lebenslauf, Biografie, Fotos


aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie

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