Theo van Gogh
Theo van Gogh (* 23. Juli 1957 in Den Haag, † 2. November 2004 in Amsterdam) war ein niederländischer Filmregisseur, Publizist und Satiriker. Seine Ermordung am 2. November 2004 machte Schlagzeilen und hatte weitreichende Folgen. Der aus einer Den Haager Familie stammende Urgroßneffe Vincent van Goghs beschloss nach einem abgebrochenen Jurastudium, Regisseur zu werden. Daneben arbeitete er für Funk und Fernsehen und schrieb provokante Kolumnen. Van Gogh war Mitglied der Republikeins Genootschap und stimmte bei den “Tweede Kamerverkiezingen” für die aus Somalia stammende Islamkritikerin und Parlamentsabgeordnete Ayaan Hirsi Ali (VVD).
Van Gogh als öffentliche Person
Van Gogh galt schon seit langem in den Niederlanden als “enfant terrible”. Er rief mit provokanten Äußerungen und Spott immer wieder Kontroversen in den Medien hervor. So kritisierte er die multikulturelle Gesellschaft, die ein Angriff gegen “die Normen und Werte der westlichen Gesellschaft” darstelle und “den aggressiven und rückständigen Islam” verteidige. 1984 brachten ihm Bemerkungen über „zwei kopulierende gelbe Sterne in der Gaskammer” eine Klage wegen Antisemitismus ein, in der Berufungsverhandlung wurde er freigesprochen. Dem Schriftsteller Leon de Winter warf van Gogh “Vermarktung seines Judentums” vor, laut de Winter “[schrieb er] in einem viel gelesenen Amsterdamer Studentenblatt [...], meine Frau und ich könnten erst miteinander schlafen, wenn sie Stacheldraht um meinen Penis gewickelt hätte. Und ich würde dann auf dem Höhepunkt ‘Auschwitz! Auschwitz!’ rufen”. Radikale Moslems bezeichnete er gern als “Ziegenficker”.
Einen seiner letzten Filme, Submission (dt. “Unterwerfung”), hatte er in Zusammenarbeit mit der Islam-Kritikerin und ehemaligen Muslima Ayaan Hirsi Ali gemacht. Er handelt von vier islamischen Frauen, die über ihre Missbrauchserfahrungen sprechen. Die Fernsehausstrahlung im Sommer 2004 führte zu heftigen Reaktionen in der moslemischen Gemeinde, woraufhin Van Gogh und Hirsi Ali beide wegen mehrfacher Morddrohungen zeitweilig unter Polizeischutz gestellt wurden.
Van Gogh als Regisseur
1981 debütierte er mit Luger. Für seine Filme Blind Date (1996) und In het belang van de staat (1997, dt. “Aus Staatsraison”) erhielt er jeweils den Niederländischen Filmpreis Gouden Kalf (Goldenes Kalb). Mit Ayaan Hirsi Ali zusammen hatte er eines seiner letzten Filmprojekte (Submission) verwirklicht, das im Sommer 2004 nach seiner Fernsehausstrahlung für viel kontroverse Diskussion sorgte. Bis zu seinem Tod arbeitete er an einem Film über den 2002 ermordeten Pim Fortuyn (Arbeitstitel 0605) und an einem Film über marokkanische Jugendliche (Arbeitstitel Cool). Als Schauspieler war er unter anderem zu sehen in De Noorderlingen (1992, dt. “Die Leute aus dem Norden”).
Van Gogh war ein typischer “Aktionsregisseur”. Die Qualität seiner Filme beruhte in erster Linie auf der Story und den Leistungen seiner Schauspieler. Die meisten seiner Produktionen waren Low-Budget-Produktion und in sechs Fällen (von insgesamt 19 fertiggestellten Filmen) aus eigener Tasche bezahlt. Während er in seinen Kolumnen und Debatten häufig extreme Standpunkte einnahm und sich sehr angriffslustig gab, war er, laut seiner Mitarbeiter, am Set die Güte in Person. Van Gogh behauptete, dass diese Haltung aus Berechnung resultiere, da er beobachtet habe, Schauspieler arbeiteten besser, wenn man sie nett behandele.
In den 1980er Jahren wechselte Van Gogh zu zurückhaltenden Literaturverfilmungen. Ab den 1990er Jahren schien er sich auf spannende Beziehungsfilme zu spezialisieren. Autoren wie Theodor Holman, Justus van Oel und Tomas Ross lieferten ihm dafür die Vorlagen.
Nach dem Erfolg von 0 und Blind Date waren Filmproduzenten eher geneigt, Geld in seine Produktionen zu stecken.
Attentat
Nach Ausstrahlung des Films “Submission” über die Unterdrückung der Frau durch den Islam erhielt van Gogh Morddrohungen. Am 2. November 2004 wurde er gegen neun Uhr in der Amsterdamer Linnaeusstraat ermordet.
Van Gogh war mit dem Fahrrad unterwegs zu seinem Büro, als er nach Augenzeugenberichten von einem Mann auf dem Fahrrad eingeholt wurde, der sofort auf ihn zu schießen begann. Van Gogh versuchte noch, auf die andere Straßenseite zu flüchten, wurde aber vom selben Mann weiter beschossen. Als van Gogh schon am Boden lag, durchschnitt ihm der Attentäter die Kehle und heftete mit einem Messer ein fünfseitiges Bekennerschreiben an den Körper. Nach der Tat flüchtete der Täter Richtung Oosterpark, wo er von der Polizei nach einem Schusswechsel verletzt festgenommen werden konnte.
Der Attentäter ist der zum Tatzeitpunkt 26 Jahre alte Amsterdamer Marokkaner Mohammed Bouyeri, der in den Niederlanden geboren wurde und aufgewachsen ist. Er besitzt die marokkanische und niederländische Staatsbürgerschaft. Sowohl das auf dem Opfer zurückgelassene Bekennerschreiben als auch ein Abschiedsbrief, den der Attentäter bei sich trug, lassen darauf schließen, dass der Täter aus einem radikal-islamistischen Hintergrund heraus handelte; siehe dazu auch Farag Foda. Laut Meldungen des Justizministeriums war der Täter beim Algemene Inlichtingen- en Veiligheidsdienst (AIVD) – dem Niederländischen Geheimdienst – in Zusammenhang mit Ermittlungen zu Samir A. bereits bekannt. Dieser war Mitte des Jahres wegen der Vorbereitung terroristischer Anschläge verhaftet worden.
Nach dem Mord an Theo van Gogh kam es in den Niederlanden zu Brandanschlägen auf islamische Einrichtungen und daraufhin auch auf christliche Einrichtungen. Diese Unruhen haben sowohl in den Niederlanden als auch im europäischen Ausland eine breite Diskussion über das Zusammenleben zwischen Europäern und Einwanderern ausgelöst. Van Goghs Sohn Lieuwe wurde laut seiner Familie mehrfach Opfer von Übergriffen moslemischer Jugendlicher.
Reflexion in der Popkultur
Die niederländische Popband Nits behandelt in ihrem Ende 2005 erschienenen Album Les Nuits dem Mord an van Gogh in einer Songtrilogie, die einen zentralen Platz auf dieser Platte einnimmt. Songwriter Henk Hofstede, der nahe des Tatorts wohnt, reflektierte den Einbruch des Grauens in die Normalität in den drei Songs The Launderette, The Pizzeria und The Keyshop (War and Peace). Jedes Stück nimmt einen unterschiedlichen Blickwinkel ein, der sich jeweils aus einem der Geschäfte der Linnaeusstraat auf das Tatgeschehen richtet. Der Mord selbst wird in surreal verklausulierten Impressionen indirekt evoziert.