Lebendige Erinnerung

8. September 2003

Leni Riefenstahl

Berta Helene Amalie Riefenstahl (* 22. August 1902 in Berlin; † 8. September 2003 in Pöcking) war eine deutsche Tänzerin, Schauspielerin, Spiel- und Dokumentarfilmerin, Regisseurin und Fotografin.

Leni Riefenstahl war wegen ihrer Nähe zum Nationalsozialismus im Allgemeinen und zu Adolf Hitler im Speziellen eine der kontroversesten Figuren der Filmgeschichte. Ihren Filmen, allen voran „Triumph des Willens“, aber auch “Der Sieg des Glaubens”, wird immer wieder vorgeworfen, die nationalsozialistische Ideologie zu glorifizieren. Eine Kritik, die sie jedoch Zeit ihres Lebens zurückwies.

Gleichzeitig gilt die von ihr geschaffene Ästhetik auch ihren Gegnern als richtungsweisend, und ihre künstlerischen Verdienste sind unbestritten. Sie wurde nach 1945 in Deutschland (anders als in den USA und Japan) weitgehend boykottiert, während andere in der Nazizeit aktive Filmregisseure (unter anderem Veit Harlan) weiterhin erfolgreich arbeiten konnten. Ihr Markenzeichen waren die idealisierte Darstellung makelloser Körper und die Darstellung großer Menschenmassen, hinzu kam eine für die damalige Zeit revolutionäre, sehr dynamische Schnitttechnik.

Kindheit und Jugend / Die Tänzerin

Leni Riefenstahl wird am 22. August 1902 als Helene Amalia Bertha Riefenstahl in Berlin geboren. Zweieinhalb Jahre später wird ihr Bruder Heinz Riefenstahl geboren. Der Vater Alfred Riefenstahl ist Installateurmeister für Heizungsanlagen und besitzt ein eigenes Geschäft. Die Familie zieht in Berlin häufig um und lebt in Wedding, Neukölln, Schöneberg, Wilmersdorf und auf ihrem Grundstück in Zeuthen.

1907 wird Leni Riefenstahl Mitglied im Schwimmclub „Nixe“. Sie tritt einem Turnverein bei, lernt Rollschuh- und Schlittschuhlaufen. Außerdem nimmt sie fünf Jahre Klavierunterricht. 1918 beendet sie erfolgreich ihre Schulausbildung mit der mittleren Reife am Kollmorgenschen Lyzeum in Berlin.

Im selben Jahr nimmt sie ohne Erlaubnis ihres Vaters und mit Unterstützung ihrer Mutter Bertha Riefenstahl Tanzunterricht an der Helene-Grimm-Reiter-Schule. Ausdruckstanz und Ballett stehen auf dem Programm. Nach dem ersten öffentlichen Auftritt kommt es zu Auseinandersetzungen zwischen Vater und Tochter. Um nicht in ein Internat geschickt zu werden, bewirbt sich Leni Riefenstahl an der Staatlichen Kunstgewerbeschule in Berlin, wird angenommen und lernt kurzzeitig dort Malerei.

1919 schickt sie der Vater trotzdem auf ein Mädchenpensionat in Thale/Harz. Dort übt sie heimlich tanzen, spielt Theater und besucht die Aufführungen der Freilichtbühne Thale. Nach einem Jahr darf sie das Pensionat verlassen. Die Familie zieht um nach Zeuthen. 1920 wird sie Sekretärin im Betrieb ihres Vaters bis 1923. Sie lernt Schreibmaschine, Stenographie und Buchhaltung. Außerdem darf sie jetzt offiziell Tanzstunden an der Grimm-Reiter-Schule nehmen und auch öffentlich auftreten. Nebenbei spielt sie Tennis. Nach einer erneuten Auseinandersetzung mit dem Vater, die zum Auszug der Tochter aus der elterlichen Wohnung führt, erklärt sich Alfred Riefenstahl mit den Bühnenträumen seiner Tochter einverstanden.

Von 1921 bis 1923 erhält sie eine klassische Ballettausbildung bei Eugenie Eduardowa, einer ehemaligen Tänzerin aus Petersburg und lernt zusätzlich Ausdruckstanz an der Jutta Klamt-Schule. 1923 geht sie für ein halbes Jahr nach Dresden in die Mary-Wigman-Schule. Riefenstahl geht 1923 bis 1924 als Solotänzerin auf Tournee. Ihren erster Solo-Auftritt hat sie am 23. Oktober 1923 in München. Es folgen Auftritte in Berlin in den Kammerspielen am Deutschen Theater, in Frankfurt am Main, Leipzig, Düsseldorf, Köln, Dresden, Kiel, Stettin, Zürich, Innsbruck und Prag. Eine Bänderzerrung am Knie beendet die tänzerische Bühnenkarriere von Leni Riefenstahl.

Die 20er Jahre / Die Schauspielerin

Leni Riefenstahl zieht 1924 in ihre erste eigene Wohnung in die Fasanenstraße in Berlin. Sie verlobt sich mit Otto Froitzheim, einem damals bekannten Tennisspieler. 1925 wirkt sie mit in dem Film „Wege zu Kraft und Schönheit“. Zufällig sieht sie den Film „Der Berg des Schicksals“ von Dr. Arnold Fanck (1919). Fasziniert reist sie in die Berge und trifft dort den Hauptdarsteller Luis Trenker, dem sie einen Brief an den Regisseur überreicht. In Berlin begegnen sich dann Leni Riefenstahl und Arnold Fanck. Während sie am Meniskus operiert wird, schreibt Regisseur Fanck für sie das Drehbuch zu „Der heilige Berg“. Sie trennt sich von Otto Froitzheim, nach ihrer Genesung beginnen die Filmaufnahmen in den Dolomiten. Leni Riefenstahl lernt dafür Skilaufen und Bergsteigen. Außerdem begeistert sie sich für das Filmhandwerk, lernt die Funktionen der Kamera kennen. Zwischendurch beginnt sie wieder zu tanzen und Auftritte anzunehmen. Die Premiere erlebt der Film „Der heilige Berg“ am 17. Dezember 1926 im Ufa-Palast am Zoo in Berlin. Leni Riefenstahl tanzt vor der Filmpremiere zum letzten Mal auf der Bühne. Diese erste Filmarbeit Leni Riefenstahls legte für ein Jahrzehnt ihre Rolle als Frau zwischen zwei Männern im Abenteuer- und Bergmilieu fest. Damit wird sie aber zugleich zum Bergfilm-Star.

1927 beginnen die Dreharbeiten zum Film „Der große Sprung“, ebenfalls unter der Regie von Arnold Fanck. Die sportlichen Leistungen der Darstellerin sind in diesem Film besonders deutlich. Hier lernt sie Hans Schneeberger, Kameramann und Hauptdarsteller, kennen, mit dem sie in einer dreijährigen Liebesbeziehung lebt. Die Premiere dieses Films findet am 20. Dezember 1927 im Ufa-Palast am Zoo in Berlin statt. Mittlerweile hat sich die Darstellerin als Spezialistin für Bergfilme einen Namen gemacht in „Das Schicksal derer von Habsburg“, „Die weiße Hölle vom Piz Palü“, „Stürme über dem Montblanc“, „Der weiße Rausch“ und „S.O.S. Eisberg“. Doch will sie ihre Schauspielkarriere auch auf andere Genres ausweiten. In Berlin lernt sie die Regisseure Georg Wilhelm Pabst („Die freudlose Gasse“), Abel Gance („Napoleon“), Walter Ruttmann („Berlin: Die Sinfonie der Großstadt“) und den Schriftsteller Erich Maria Remarque („Im Westen nichts Neues“) kennen. Zusätzlich beginnt sie, Drehbücher zu schreiben. 1928 besucht sie die Olympischen Winterspiele in St. Moritz. Sie schreibt ihren ersten Artikel im „Film-Kurier“ über Fancks Sport-Film „Das weiße Stadion“. Sie veröffentlicht nun regelmäßig Drehberichte zu ihren Filmarbeiten. Die Dreharbeiten zu dem für sie untypischen Film „Das Schicksal derer von Habsburg“ beginnen 1928 in Wien unter der Regie von Rudolf Raffé.

Die Dreharbeiten zu „Die weiße Hölle vom Piz Palü“ im Engadin führen die beiden Regisseure Fanck und Pabst zusammen. Leni Riefenstahl arbeitet an der Schnittfassung der französischen Version des Films mit. Das Werk wird nach seiner Premiere am 15. November 1929 im Ufa-Palast am Zoo in Berlin ein durchschlagender nationaler und internationaler Erfolg. Der Film ist einer der letzten großen Stummfilme. In der Inszenierung von Pabst lassen sich die schauspielerischen Fähigkeiten Leni Riefenstahls erstmals erahnen. Die Schauspielerin trifft Josef von Sternberg, der in Berlin „Der blaue Engel“ mit Marlene Dietrich in Szene setzt.

Die erste Regiearbeit

1931 schreibt Leni Riefenstahl die erste Fassung des Manuskripts für ihren Film „Das blaue Licht“. Sie arbeitet am Drehbuch zusammen mit Béla Balázs, dem ungarischen Filmtheoretiker und Drehbuchautor. Sie gründet ihre erste eigene Filmgesellschaft, die „Leni Riefenstahl Studio-Film“ als alleinige Gesellschafterin. Zudem übernimmt sie Regie, Produktionsleitung und Schnitt für „Das blaue Licht“. Leni Riefenstahl gewinnt die Sarntaler Bauern als Laienschauspieler. Die Dreharbeiten finden von Juli bis September 1931 statt, und alle am Film Beteiligten sind mit geringen Gagen einverstanden. Um den Streifen zu finanzieren, nimmt Leni Riefenstahl zusätzlich die Hauptrolle im Film „Der weiße Rausch“, wieder unter der Regie von Fanck, an. Die Premiere von „Das blaue Licht“ findet am 24. März 1932 in Berlin statt. Der Film gewinnt bei der Biennale in Venedig die Silbermedaille. Sie reist mit dem Werk nach London und wird dort begeistert aufgenommen. Die erste Regie Leni Riefenstahls, insbesondere die Lichtinzenierung, wurde national und international gefeiert.

Der Film gelangt als Stummfilm 1932 in die Kinos. Später wird eine Tonfassung hergestellt, in der im Vorspann der Name Béla Balázs nicht mehr auftaucht. 1951 schneidet die Regisseurin eine neue Fassung und benutzt auch nicht verwendetes Filmmaterial, wobei die Rahmenhandlung der ersten Fassung verloren geht. Diese Version wird nachsynchronisiert und vom Filmkomponisten Giuseppe Becce neu vertont.

Der Nationalsozialismus / Die Regisseurin

Riefenstahls Markenzeichen waren die idealisierte Darstellung makelloser Körper und die Darstellung großer Menschenmassen. Zudem entwickelte sie eine für die damalige Zeit revolutionäre, sehr dynamische Schnitttechnik.

Leni Riefenstahl wird durch ihr Regiedebut „Das blaue Licht“ eine erfolgreiche und von Hitler umschwärmte Regisseurin. Sie besucht im Februar 1932 eine Rede Hitlers im Sportpalast in Berlin. Im Mai 1932 schreibt sie ihm einen Brief. Es kommt zu einem ersten Treffen zwischen den beiden. In Folge wird sie von 1932 bis 1945 Reichsfilmregisseurin. Die Dreharbeiten zu dem Film „SOS Eisberg“ unter der Regie von Arnold Fanck führen sie kurz darauf nach Grönland. Sie sind Ende Mai abgeschlossen. Aus einer Artikelserie über die Erlebnisse in Grönland, die sie für die Zeitschrift „Tempo“ schreibt und aus Vorträgen, die sie zum Film hält, entsteht das Buch „Kampf in Schnee und Eis“, welches 1933 erscheint. Die Premiere des Films „SOS Eisberg“ findet am 30. August 1933 im Ufa-Palast am Zoo statt. Nach der Grönland-Expedition kommt es zu weiteren Treffen zwischen Leni Riefenstahl und Hitler. Sie lernt Joseph Goebbels und dessen Frau kennen, wobei sie Zeit ihres Lebens behaupten wird, mit dem Propagandaminister tiefe gegenseitige Abneigung geteilt zu haben.

Die Reichsparteitagsfilme

Im August 1933 nimmt sie das Angebot an, einen Film über den fünften Reichsparteitag der NSDAP in Nürnberg zu drehen. Leni Riefenstahl arbeitet mit bekannten Kameramännern (unter anderem Sepp Allgeier, Franz Weihmayr und Walter Frentz) zusammen und schneidet den Film selbst. Produzent des Films ist das Reichspropagandaministerium unter Leitung von Goebbels. „Sieg des Glaubens“ hat am 1. Dezember 1933 Premiere. Infolge des so genannten Röhm-Putsches wird „Sieg des Glaubens“ aber nach kurzer Zeit wieder aus dem Verkehr gezogen. Grund ist unter anderem die relativ gleichberechtige Darstellung des SA-Stabschefs Ernst Röhm neben Hitler. Für Leni Riefenstahl kann die Dokumentation als Fingerübung gelten, im Vergleich zu dem späteren Reichsparteitagsfilm zeigen sich einige ästhetische Unvollkommenheiten, mit denen die auf Perfektion ausgerichtete Regisseurin nicht einverstanden ist. Das Bildmaterial zeigt noch deutlich den Charakter einer Reportage, enthält noch Zufälliges und Ungeordnetes und dokumentiert damit die noch nicht ausgereifte Selbstinszenierung der NSDAP und gleichzeitig die Unerfahrenheit Leni Riefenstahls bei Dokumentararbeiten: eine Übung für beide.

Leni Riefenstahl ist mit dem Nazi-Publizisten Julius Streicher befreundet, dem sie im Oktober 1933 alle Angelegenheiten in Sachen „des Juden Béla Balázs“ übergibt, nachdem dieser – ehemaliger Produktionspartner bei Leni Riefenstahls erster sehr erfolgreichen Regie-Arbeit „Das blaue Licht“ – Geldforderungen gegen sie erhoben hatte.

1934 bekommt die Regisseurin erstmals von der „Terra-Film“ das Angebot, „Tiefland“ zu verfilmen. Im selben Jahr reist sie nach London, Cambridge und Oxford und hält dort Vorträge über ihre bisherigen Filmarbeiten. Der Drehbeginn von „Tiefland“ in Spanien muß abgebrochen werden, weil die „Terra“ kein Geld schickt und Leni Riefenstahl erkrankt.

Im Auftrag von Hitler dreht Leni Riefenstahl einen weiteren Reichsparteitagsfilm. Sie firmiert ihre Firma um in die „Reichsparteitagfilm GmbH“, um den Film über den sechsten Reichsparteitag der NSADP zu produzieren. Die 1933 und 1934 entstandenen Filme „Sieg des Glaubens“ über den „Reichsparteitag des Sieges“ der NSDAP und „Triumph des Willens“ (über den „Reichsparteitag der Einheit und Stärke“) wurden vermutlich von der Partei selbst bezahlt. Mit dem vorgefertigten Filmmaterial von Walter Ruttmann ist sie unzufrieden und übernimmt selbst die Oberleitung für den Film. Sie arbeitet mit 170 Personen vom 4. bis zum 10. September in Nürnberg. Leni Riefenstahl benötigt sieben Monate für den Schnitt und die Fertigstellung des Films. Den in seiner Langfassung vier Stunden dauernden Film schnitt sie aus mehreren hundert Stunden Material zusammen, nutze dabei innovative und suggestive Montagetechniken. Am 28. März 1935 hat „Triumph des Willens“ im Ufa-Palast in Berlin in Anwesenheit Hitlers Premiere. Analog zur perfektionierten choreographischen Selbstinszenierung der NSDAP inszeniert die Regisseurin mit filmischen Methoden ein stark verdichtetes Material, in dessen Mittelpunkt Hitler überlebensgroß als Führer stilisiert wird, umgeben von Gruppen uniformierter Anhänger. Das Dokument der Propagandaveranstaltung wird zum Instrument der Emotionalisierung des Publikums, zum Wunschbild nationalsozialistischer Massenverführung. Insbesondere die Szenen des Chors der Arbeitsfrontmänner und der Appell von SA und SS mit seiner monumentalen Massenchoreografie werden als Ausschnitte immer wieder zitiert und gelten als Inbegriffe faschistischer Selbstinszenierung. Gerade weil dieser Film der Selbstdarstellung der Nationalsozialisten optimal entspricht, feiert deren Führung „Triumph des Willens“ als Vorzeigestück für gelungene faschistische Propaganda und setzt das Werk als solches ein. Für den Streifen erhält Leni Riefenstahl den Deutschen Filmpreis 1934/35, den Preis für den besten ausländischen Dokumentarfilm bei der Biennale in Venedig 1935 und bei der Pariser Weltausstellung 1937 die Goldmedaille. Zum Film erscheint das Buch „Hinter den Kulissen des Reichsparteitagsfilms“.

Durch die aufwendigen Dreharbeiten für „Triumph des Willens“ werden durch die Regisseurin Riefenstahl zahlreiche andere Produktionen des übrigen NS-Films vernachlässigt, da sie viele Kameraleute für ihr Team beanspruchte. Dies führte in der Folge zu Anfeindungen zwischen Goebbels und der Filmemacherin, welche schließlich Hitler persönlich schlichten musste.

Die Wehrmacht, die 1934 nach dem Tod Paul von Hindenburgs erstmals an einem Parteitag teilnimmt, sieht sich in „Triumph des Willens“ zu wenig präsentiert; Leni Riefenstahl dreht den 26-minütigen Kurzfilm „Tag der Freiheit! – Unsere Wehrmacht!“, einen Streifen über den siebten Reichsparteitag der NSDAP von 1935, der am 30. Dezember 1935 Premiere feiert. Der Film schafft Stimmungen durch einen überaus lyrischen Beginn mit Nachtwache und Tagesanbruch in einer Zeltstadt, mit Schatten und Gegenlichtaufnahmen. Dann folgen Kriegsspiele unter Adolf Hitlers Blicken. Die Mittel des Films sind stereotyp, die Komposition überzeugt nicht. Riefenstahl selbst nennt ihre propagandistischen Inszenierungen rein dokumentarische Arbeiten, wobei sie unter dokumentarisch versteht, daß ein Film den Geist und/oder die Atmosphäre einer Veranstaltung widerspiegeln solle.

Kriegseindrücke

1939 absolviert Riefenstahl eine Ausbildung zur Berichterstatterin für den Fronteinsatz. Kurze Zeit später erlebt sie erschreckende Auseinandersetzungen von Wehrmachtssoldaten und polnischen Zivilisten. Deshalb weigerte sie sich im Herbst 1944, einen Film über die Siegfriedlinie, dem Verteidigungswall gegen die Alliierten, zu drehen. Dadurch überwarf sie sich mit Goebbels und der Reichskulturkammer, welche fortan die finanziellen Mittel strichen. Sie distanzierte sich jedoch nie von den Nationalsozialisten.

Die Olympia-Filme

1935 trifft Leni Riefenstahl Dr. Carl Diem, Generalsekretär des Organisationskomitees für die XI. Olympischen Spiele, die 1936 in Berlin stattfinden sollten. Sie trifft Absprachen mit der Filmproduktionsfirma „Tobis“ zu den Olympia-Filmen und ist mit zahlreichen Vorarbeiten beschäftigt. Kurz darauf gründet sie die „Olympiade-Film GmbH“, deren Gesellschafter sie und ihr Bruder Heinz Riefenstahl sind. Wieder fließen Gelder des Propagandaministeriums und weitere Reichsmittel in die Produktionsfirma, um die aufwendigen Dreharbeiten zu finanzieren.

1936 besucht Leni Riefenstahl für Vorarbeiten die Olympischen Winterspiele in Garmisch-Partenkirchen, außerdem trifft sie sich mit Benito Mussolini in Rom. Ab Mai 1936 beginnen die Probeaufnahmen zu den Olympia-Filmen. Leni Riefenstahl arbeitet mit den bekannten Kameramännern (Walter Frentz, Willy Zielke, Guzzi Lantschner, Hans Ertl sowie zahlreichen anderen) zusammen. Gemeinsam entwickeln sie viele filmtechnische Neuerungen (zum Beispiel Unterwasserkameras und Schienenkameras). 170 Mitarbeiter gehören zum Filmstab. Nach den Dreharbeiten im Juli und August 1936 zieht sich Leni Riefenstahl in den Schneideraum zurück. Zwischen 1936 und 1938 sichtet, archiviert, montiert und schneidet sie das Filmmaterial zu den Olympia-Filmen in ihrem Haus im Grunewald. Ein Werkfilm über die Arbeit zu den Olympia-Filmen erhielt 1937 bei der Pariser Weltausstellung eine Goldmedaille. Premiere feiern „Fest der Völker“ und „Fest der Schönheit“ am 20. April 1938 im Ufa-Palast am Zoo. Leni Riefenstahl reist mit dem Film durch Europa. Ihre Tournee führt sie nach Wien, Graz, Paris, Brüssel, Kopenhagen, Stockholm, Helsinki, Oslo, Rom. Sie erhält für die Olympia-Filme den Deutschen Filmpreis 1937/38, den schwedischen Polar-Preis 1938, die Goldmedaille für den besten Film bei den Internationalen Filmfestspielen in Venedig, den Griechischen Sportpreis sowie beim Filmfestival in Lausanne 1948 im Nachhinein ein Olympisches Diplom zur Olympischen Goldmedaille vom Comitée International Olympique 1938.

Der Prolog des ersten Teils der Olympia-Filme ist berühmt: Die Bilder zeigen die Ruine der Akropolis, überblenden dann auf einzelne Köpfe antiker Athleten und Göttinnen, auf die Skulptur eines Diskuswerfers, der dann zu einem „lebenden Bild“ eines nackten Athleten wird, der am Meer in Zeitlupe Diskus, Speerwurf und Kugelstoßen präsentiert. Mit nackten Gymnastinnen, deren Bewegungen vom olympischen Feuer überblendet werden und der Staffette olympischer Fackelträger durch Griechenland bis zum Berliner Olympiastadion wird die Antike in die moderne Zeit, das Berlin von 1936, geholt. Auch im zweiten Teil gibt es wieder einen Prolog: Morgendlicher Wald, in dem Waldläufer in einer Reihe als Silhouetten auftauchen und nackt ins Wasser springen, Sauna, glänzende Athletenkörper, gegenseitiges Massieren und Schlagen mit Birkenreisern, lachende Gesichter unter der Dusche. Doch noch bekannter ist der Abschluss des Films: Das Turmspringen der Männer, das zu einer Folge schwereloser Flüge in den Himmel wird. Im Stadion dann abendliche Beleuchtung, Glocken mit Geläut, olympische Flamme und Fahnenstangen, die sich einander zuneigen und mit Lorbeer geschmückt werden. Olympische Fahne und der „Lichtdom“, die Inszenierung von Albert Speer, beenden den Film. In beiden Teilen wechselt die Kameraführung zwischen reportagehaftem Panorama, Schwenk, Passagen aus der Untersicht, in Zeitlupe, mit subjektiver Kamera, Parallelfahrten. Die Montage legt Schwerpunkte auf symbolische Überhöhung durch optische Überblendungen, auf emotionalisierende Musik oder auf die Spannung zwischen sportlichem Wettkampf und Publikumsanfeuerung. Der Schnitt stellt direkte optische Bezüge zwischen dem Siegerwillen der deutschen Olympioniken und Hitlers (bzw. Goebbels’, Görings) Beifall her. Weitere Gestaltungsprinzipien sind die impressionistische Montage der Körper im Flug (Stabhochsprung, Turmspringen), die Montage eines exemplarischen Marathon-Dramas zwischen nachlassender Kraft (Beine in Zeitlupe) und anfeuerndem Willen (Straßenbilder im Zeitraffer zu motorischer Musik), Silhouetten auf dem Boden (Fechter) sowie der Wechsel zwischen rein musikalisch illustrierten Passagen und Teilen, die durch Sprecher und Publikumsreaktionen scheinbar authentisch kommentiert wirken. Der Kommentar der deutschen Fassung betont rhetorisch die Analogie von sportlichem und kriegerischem Kampf.

Leni Riefenstahl, die im Olympiafilm immerhin den überragenden Erfolg amerikanischer, auch afro-amerikanischer Athleten nicht unterschlagen hat, hofft auf Chancen auch im lukrativen US-Filmgeschäft. Tatsächlich wurde sie 1938 von dem Filmunternehmen Metro-Goldwyn-Mayer in die Staaten eingeladen. Im November 1938 reist die Regisseurin mit den Olympia-Filmen nach Amerika. Dort wird sie am Tag ihrer Ankunft mit der Nachricht von der sogenannten „Reichskristallnacht“ vom 9. auf den 10. November 1938 konfrontiert. Die New Yorker „Anti-Nazi-League“ sowie auch Bürgermeister Fiorello LaGuardia und das Motion Picture Artists Comittee riefen zum Boykott der Olympia-Filme auf. In Hollywood hängen Anti-Riefenstahl-Plakate. Leni Riefenstahl trifft die Regisseure King Vidor und Walt Disney sowie den Automobilfabrikanten Henry Ford. Auch in Großbritannien wurde die Aufführung von Riefenstahl-Filmen abgelehnt. Allerdings: 1956 wurde der Olympiafilm von einer Hollywood-Jury zu einem der zehn besten Filme der Welt gekürt. Er ist Vorbild für viele spätere Sportfilme und -reportagen und nahm zahlreiche Entwicklungen im technischen Bereich vorweg.

1958 schneidet die Regisseurin die Olympia-Filme neu, es kommt zu Aufführungen in Berlin, Bremen und Hamburg. Der zweite Teil (ursprünglich „Fest der Schönheit“) wird in „Götter des Stadions“ umbenannt. Das Projekt ist zu diesem Zeitpunkt ein kommerzieller Mißerfolg. 1967 stellt Leni Riefenstahl in München eine neue Fassung der englischen Version der Olympia-Filme her, die auf „Channel 13“ zur Olympiade in Mexiko laufen sollen.

Endlose und unvollendete Projekte

Zurück in Europa hält Leni Riefenstahl in Paris einen Vortrag zum Thema „Ist Film Kunst?“. Außerdem gründet sie 1939 die „Leni Riefenstahl Film GmbH“, um das Projekt „Penthesilea“ zu produzieren. Leni Riefenstahl arbeitet am Drehbuch und ist mit Vorarbeiten an dem umfangreichen Projekt beschäftigt. Die Arbeiten werden wegen des Kriegsbeginns am 1. September 1939 unterbrochen. Sie und zahlreiche Mitarbeiter ihrer Firma gehen als Kriegsberichterstatter am 8. September an die Front in Polen. Leni Riefenstahl erlebt ein Massaker deutscher Soldaten an polnischen Zivilisten in Konskie und legt ihre Tätigkeit als Filmberichterstatter nieder. Angeblich schreibt sie einen Beschwerdebrief.

Sie führt Absprachen mit der „Tobis“ über die Verfilmung von „Tiefland“ und arbeitet gemeinsam mit Harald Reinl am Drehbuch. 1940 werden geplante Außendrehs für den Film in Spanien wegen der Ausweitung des Krieges nach Deutschland verlegt. Um die spanische Atmosphäre zu erhalten, werden 68 Zigeuner aus einen naheliegenden Lager Maxglan bei Salzburg als Statisten engagiert. Viele dieser „nicht-arischen“ Kleindarsteller wurden später in Konzentrationslager verschleppt und kamen dort um. Leni Riefenstahl übernimmt Hauptrolle und Regie bei „Tiefland“. Es kommt zu Verzögerung der Dreharbeiten aufgrund von Krankheit Riefenstahls, 1943 zu letzten Außenaufnahmen doch noch in Spanien. Die Finanzierung erfolgt über das Reichswirtschaftsministerium auf Anordnung von Adolf Hitler. Danach verlagert sie ihren Wohnsitz und den Großteil ihres Filmmaterials aus Berlin nach Kitzbühel.

Während der Dreharbeiten lernt die Künstlerin Peter Jacob, Gebirgsflieger, kennen, den sie am 21. März 1944 in Kitzbühel heiratet. Außerdem trifft sie sich zum letzten Mal mit Hitler auf dem Berghof. Ihr Bruder Heinz Riefenstahl fällt an der russischen Front. Letzte Aufnahmen für „Tiefland“ finden in Prag statt. Kurz vor Ende des Krieges trifft ihre Mutter Bertha Riefenstahl in Kitzbühel ein. Im April 1945 wird Leni Riefenstahl von der amerikanischen Armee in Gefangenschaft genommen, verhört und wieder freigelassen.

1946 wird Riefenstahl von der französischen Armee aus Tirol ausgewiesen, zieht nach Breisach und anschließend nach Königsfeld. Es kommt zur Scheidung von Peter Jacob.

Für Hitlers neue Welthauptstadt Germania waren auch die Riefenstahl-Studios bereits eingeplant – 26.000 Quadratmeter groß.

Riefenstahl selbst sah sich stets als unpolitische Künstlerin, die das Ungeheuerliche des Naziregimes damals nicht erkannt habe. Zitat: „Nie habe ich bestritten, dass ich der Persönlichkeit Hitlers verfallen war. Dass ich das Dämonische zu spät in ihm erkannt habe, ist zweifellos Schuld oder Verblendung.“ (1949)

Nachkriegszeit

Riefenstahl wurde im Deutschen Reich bis 1945 allgemein verehrt wegen ihrer unmittelbaren Nähe zur Macht und nach dem Krieg eben deshalb verachtet. Das Nachkriegsdeutschland boykottierte im Gegensatz zu USA und Japan nach 1945 die Werke Riefenstahls. Andere in der Nazizeit aktive Filmregisseure wie Veit Harlan konnten demgegenüber erfolgreich weiterarbeiten.

* 1949–1987 Prozesse um die Zwangsverpflichtung von Zigeunern aus dem Salzburger Lager Maxglan. Diese wurden von Riefenstahl als Statisten für die Dreharbeiten zu ihrem erst 1954 fertiggestellten Film „Tiefland“ von der Naziregierung angefordert. In einigen dieser Prozesse tritt Riefenstahl als Klägerin auf (Üble Nachrede).
* 1948 bis 1952 Riefenstahl wird in vier Spruchkammerverfahren entnazifiziert und in die Gruppe der „Mitläufer“ des Naziregimes eingestuft.
* 1950 Umzug mach München.
* 11. Februar 1954 Uraufführung von “Tiefland” in Stuttgart
* 1958 „Olympia“ erscheint in einer gekürzten Fassung erneut in den Kinos. Der zweite Teil (ursprünglich „Fest der Schönheit“) wird in „Götter des Stadions“ umbenannt. Das Projekt ist, wie zuvor schon „Tiefland“, ein kommerzieller Misserfolg.
* 1956: Erster Besuch Afrikas
* Zwischen 1962 und 1977 unternimmt Riefenstahl mehrere Reisen in den Zentral-Sudan zu den Nubastämmen
* 1968 lernt sie ihren Lebensgefährten Horst Kettner kennen.
* 1972 Fotoreportage der Olympischen Spiele in München für die Sunday Times.
* 1973 erscheint „Die Nuba – Menschen wie vom anderen Stern“, ein Fotoband über das afrikanische Stammesvolk, sowie 1976 „Die Nuba von Kau“.
* 1974 macht Riefenstahl unter Angabe eines falschen Alters mit 72 Jahren ihren Tauchschein in Malindi. Sie widmet sich intensiv der Unterwasserfotografie.
* 1978 Umzug nach Pöcking und Herausgabe des dritten Bildbandes „Korallengärten“.
* 1982 Bildband „Mein Afrika“
* 1987 Herausgabe ihrer „Memoiren“, an welchen sie von 1982 bis 1987 arbeitete.
* 1990 Bildband „Wunder unter Wasser“.
* 2001 sorgt der umstrittene Präsident des IOC, Juan Antonio Samaranch, dafür, dass ihr die noch immer „ausstehende“ Ehren-Goldmedaille der Olympischen Spiele von 1936 in Berlin verliehen wird. Er überreicht sie ihr in Lausanne.
* 2002 kommt „Impressionen unter Wasser“ in die deutschen Kinos; ein Dokumentarfilm über die tropische Unterwasserwelt.
* 2002 Ein weiteres Zivilverfahren wegen der „Tiefland“-Statisten (Kläger war der Verein „Rom e.V.“) wird eingestellt, nachdem Riefenstahl erstmals eine Unterlassungserklärung bezüglich verharmlosender Äußerungen abgibt.
* 2002 Sie feiert ihren 100. Geburtstag mit vielen Stars (u.a. Siegfried und Roy).
* 2003 Am 8. September stirbt Leni Riefenstahl zwei Wochen nach ihrem 101. Geburtstag in Pöcking am Starnberger See. Ihr Lebensgefährte, der 40 Jahre jüngere Kameramann Horst Kettner, war bis zuletzt bei ihr.
* Leni Riefenstahl wurde auf dem Waldfriedhof in München bestattet.

Spätere Enthüllungen 2004

Die Mannheimer Kuratoren Ina Brockmann und Peter Reichelt waren schon verantwortlich für Riefenstahls autorisierten Ausstellungen in Kuopio (Finnland, 1996), Mailand (1996) und Rom (1997). Ihre Ausstellung im Ernst Barlach Museum Wedel 2004 war erstmalig weder kontrolliert noch autorisiert von der inzwischen verstorbenen Reichsfilmregisseurin und stilisiert sie zur “Symbolfigur deutscher Vergangenheitsverdrängung”. Seitdem werden die als Riefenstahl Arbeiten benannten Olympiafotografien den Fotografen zugeordnet, welche die Bilder wirklich gemacht haben. Zudem wird Riefenstahls Legende als Dokumentarfilmer widersprochen. So ist nun bekannt, daß Szenen aus dem Reichsparteitagfilm 1933 im Studio mit Parteigrößen nachinszeniert und nachgedreht wurden, was auch aus dem bis dato unveröffentlichen Briefwechsel zwischen Riefenstahl und Albert Speer hervorgeht.

Die Filme zwischen 1933 und 1945 entstanden unter der persönlichen Schirmherrschaft Hitlers, was sich nicht nur in finanziellen Mitteln ausdrückte. So bekam Riefenstahl beispielsweise Sinti und Roma aus Internierungslagern als Statisten für die Produktion von „Tiefland“. Nach den Dreharbeiten wurden diese Statisten jedoch wieder in Konzentrationslager eingewiesen. Die Regisseurin hat bis zu ihrem Tod bestritten, jemals Nazipropaganda produziert, im Auftrag des „Führers“ gehandelt und von diesen Kontakten finanziell profitiert zu haben. Damit schuf sie um ihre Person einen Mythos, welchen Margarete Mitscherlich als eine gesamtdeutsche „Unfähigkeit zu trauern“ entlarvte. Dem Mythos widerspricht auch das bis zu ihrem Tode verschwiegene Filmprojekt von 1939, in dem der „Filmtrupp Riefenstahl“ an der polnischen Front war.

Familie

Riefenstahl blieb kinderlos. Rückblickend bereute sie dies jedoch.


aus Wikipedia, der freien Enzyklopaedie

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