Lebendige Erinnerung

13. August 2003

Lothar „Emma“ Emmerich

Lothar „Emma“ Emmerich (* 29. November 1941 in Dorstfeld; † 13. August 2003)
Ein bundesdeutscher Fußballheld.

Lothar Emmerich sein sagenhaftes Ausgleichstor gegen Spanien / der Beweis des Gedenkens an ihn

Bedeutende Persönlichkeiten gleich aus welchem Lebensbereich (Kultur, Politik, Sport…) verdienen einen echten Nachruf, aufrichtige Worte des Trauerns.
Bei den Recherchen zu Helmut Rahn, dem genialen Mittelstürmer der WM ’54, fiel mir auf, dass im gleichen Jahr 2003 und am Vortag (13. August) eine andere Fußballgröße von uns gegangen ist: Lothar Emmerich.
Das ist natürlich Zufall (es gab wohl keinen Kontakt, keine Ahnung vom Tod des Fußballkollegen) – aber es ist bereits eine beziehungsreiche Koinzidenz.

Es lassen sich nämlich weitere Korrelationen aufzeigen, besondere Bezüge zwischen beiden – sowie ihre auch gemeinsame Bedeutung für unser Land:
Während Helmut Rahn mit seinem Tor das ‚Wunder von Bern‘ vollendete und somit bewies, dass die noch neun Jahre zuvor schwer gedemütigte Nation nach diesen schweren Niederlagen auch einmal wieder siegen konnte, verdanken wir und die fußballbegeisterte, aber auch die Menschen hinter den Sportlern, deren öffentliches Verhalten beobachtende internationale Welt dem (das ist nicht politisch gemeint) Linksaußen Lothar Emmerich die Erkenntnis, dass die Deutschen auch friedlich und sympathisch, mit Anstand und Stolz verlieren können.
Die Ehrenrunde nach kräfteraubenden 120 Minuten spricht Bände:
‚Stolze Verlierer, wenn wir untergehen…‘ (nach einem Lied von Udo Jürgens)
Nach dem auch ihm (und seinem sagenhaften Tor gegen Spanien) zu verdankenden, verdienten Einzug ins Finale (gegen Uruguay und die Sowjetunion) verlor die Mannschaft von Helmut Schön dort erst nach Verlängerung (und nach dem bis heute umstrittenen ersten ‚Wembley-Tor‘ der Fußballgeschichte) gegen die englische Heimmannschaft, in deren Land der Fußball bekanntlich erfunden wurde und das schon deshalb wenigstens einmal Weltmeister sein sollte.
Zum Glück (aber ohne dass die Diskussionen an den Fußballstammtischen je abgerissen wären) fiel ja auch noch ein viertes Tor für England – was soll’s, dass da ein paar Fans auf dem Platz rumstanden?
Im Falle eines deutschen Sieges hätte das auch keinen von uns gestört.
Die Namen dieser großen bundesdeutschen Mannschaft, die weniger ‚verloren‘ als vielmehr den Vize-Weltmeister-Titel gewonnen hat, kann ich seither im Schlaf in der richtigen Reihenfolge (damals noch nach dem ‚4-4-3-System‘) aufsagen, ohne sie je auswendig gelernt haben zu müssen:
Hans Tilkowski – Horst-Dieter Höttges, Willi Schulz, Wolfgang Weber, Karl-Heinz Schnellinger – Franz Beckenbauer, Helmut Haller, Wolfgang Overath – Uwe Seeler (langjähriger Kapitän), Sigfried „Siggi“ Held und sein Traumfußballpartner Lothar Emmerich…
Bis auf ihn und Helmut Haller (auch ein ‚Held‘ meiner Jugend) leben alle noch, die meisten in den Siebzigern – und hoffentlich noch lange. Der noch heute attraktive Torwart Tilkowski ist soeben (als Ältester) 80 geworden, Mittelstürmer ‚uns Uwe‘ Seeler wird dies nächstes Jahr…

Wir hatten letztes Jahr am Hotelpool in Spanien eine schöne Begegnung mit einem (ebenfalls) älteren Ehepaar aus London, mit denen wir uns in abenteuerlichem Restenglisch naheliegenderweise auch über die damalige Fußball-WM von 1966 unterhielten.
Ich bekannte ganz ehrlich (wenige Wochen vor der von Deutschland gewonnenen WM, also ohne jede Ahnung vom künftigen Erfolg unserer Mannschaft), dass die englische Mannschaft in der Verlängerung mit dem Rückenwind eines restlos ausverkauften Stadions voller Briten gegen eine aufopferungsvoll kämpfende, aber eben auch abgekämpfte deutsche Mannschaft dann eben doch leicht die Oberhand gewonnen und (unabhängig vom ‚Wembley-Tor‘) verdient gesiegt habe.
Wir hatten alle vier bei diesen fast ein halbes Jahrhundert zurückliegenden Erinnerungen fast Tränen in den Augen – vor Rührung, bei uns Deutschen ohne jede Traurigkeit. Zum Abschied schenkte uns das liebenswerte Paar das einzige, was es gerade greifbar hatte: eine Dose Sonnenschutz zum Einsprühen. Seither hatten wir keinen Sonnenbrand mehr und ist uns auch ansonsten nichts angebrannt…

Berühmt ist Emmerichs Zuruf „Gib mich die Kirsche!“, mit dem er seine Mitspieler aufforderte, ihm endlich den Ball zum Torschuss zuzuspielen. Dabei war er mannschaftsdienlich, kein Dribbler, sicher auch kein großer Techniker, ausgestattet aber mit einem unglaublichen Torinstinkt (den wir volksetymologisch gerne als ‚Torriecher‘ übersetzen, obwohl das lateinische Verb ‚instinguere‘ auf Deutsch ‚anstacheln, antreiben‘ bedeutet).
Auch das sensationelle Ausgleichstor gegen Spanien in der Gruppenphase (ehe wieder einmal Uwe Seeler ein typisches Siegtor zum Gruppensieg schoss) können wir uns auf Youtube anschauen:

 

 

ebenso wie Szenen aus allen vier gewonnenen Weltmeisterschaften:

 

 

Auch so lässt sich (wohl im Sinne der Verstorbenen) Trauerarbeit leisten.

Emmerichs Kindheitstraum – „Ich wollte einmal in schwarz-gelb (für Borussia Dortmund) und einmal in schwarz-weiß (für die Nationalmannschaft) spielen“ – hat sich erfüllt, in seinem wichtigsten Verein nicht nur einmal: Für Borussia Dortmund lief er 215mal auf (an der Seite von Hans Tilkowski, Wolfgang Paul, Rudi Assauer, Reinhard Libuda – auch bereits tot, aber ebenfalls unvergessen, siehe: www.portal-der-erinnerung.de/1996/08/25/2764/ – , Sigi Held), holte sensationell den ‚Europapokal der Pokalsieger‘ (fast auf Augenhöhe mit der heutigen Champions League) und schoss sagenhafte 126 Tore.
Es waren zwar nur fünf Spiele für die Nationalmannschaft – aber alle in einer grandiosen, bis heute unvergessenen WM, nebenbei der ersten, bei der ich (wegen fehlendem ZDF-Fernsehsender nicht bei allen Spielen, teils am Radio, teils bei Nachbarn) Anteil nahm.
Sein ‚Geistertor‘ kommentierte er so: „Ich habe nicht einfach draufgeknallt, sondern instinktiv die Lage gepeilt und den richtigen Winkel gewählt.“
Auch bewies er Humor, ja angesichts seiner Krebserkrankung fast ‚Galgenhumor‘:
Über seinen Kahlkopf, verursacht durch mehrere Chemotherapien, witzelte er: „Ich trage jetzt eine moderne Glatze. Dafür werde ich auf dem Kopf schön braun, wenn die Sonne scheint.“
Ein sonniges Gemüt – bis zuletzt.
Wir wollen und werden Lothar Emmerich und sein Traumtor nicht vergessen.

Dipl.-Päd. RL Fred Maurer

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