Lebendige Erinnerung

19. Mai 2001

Hans Mayer

Hans Mayer (* 19. März 1907 in Köln; † 19. Mai 2001 in Tübingen) war ein deutscher Literaturwissenschaftler. Mayer war außerdem Jurist und Sozialforscher und fand auch als Kritiker, Schriftsteller und Musikwissenschaftler internationale Anerkennung.

Leben

Hans Mayer war ein jüdischer Großbürgerssohn. In der Jugend wurde er von den Schriften Georg Lukács und des frühen Karl Marx beeinflusst. Man kann ihn als einen Sozialisten und Marxisten bezeichnen.

Er studierte Jura, Geschichte und Philosophie in Köln, Bonn und Berlin und promovierte 1930 über „Die Krise der deutschen Staatslehre“, gleichzeitig schloss er sich der SPD an und arbeitete an der Zeitschrift Der Rote Kämpfer mit 1931 trat er zur SAPD über, aus der er ein Jahr später wegen seiner Sympathie zur KPD-O wieder ausgeschlossen wurde. Da er Jude und Marxist war und daher gegen ihn im Juli 1933 ein Berufsverbot verhängt wurde, floh er im August 1933 nach Frankreich, wo er kurzzeitig als Chefredakteur der Neuen Welt, der Tageszeitung der KPO-Elsass fungierte und 1934 nach Genf, wo er Arbeit als Sozialforscher bekam. 1935 verliess er die KPD-O. Carl Jacob Burckhardt beeinflusste in dieser Zeit seine literaturwissenschaftlichen Ausrichtungen.

Von 1937-1939 war Mayer Mitglied des von Georges Bataille, Michel Leiris und Roger Caillois 1937 gegründeten Collège de Sociologie (vgl. Moebius 2006). Dort hielt er einen Vortrag über die politischen Geheimbünde in der Deutschen Romantik und zeigte auf, wie diese Geheimbünde bereits Nazisymboliken vorwegnahmen. Andere Exilanten am Collège waren Walter Benjamin und Paul L. Landsberg.

Nach Kriegsende kehrte er nach Deutschland zurück. Die Amerikaner machten ihn zum Kulturredakteur der dpa-Vorgängerin Deutsche Nachrichten-Agentur DENA und später zum politischen Chefredakteur von Radio Frankfurt.

1948 ging er mit seinem Freund Stephan Hermlin in die DDR. In Leipzig nahm er eine Professur für Literaturwissenschaft an und wurde zu einem einflussreichen Kritiker der neueren deutschen Literatur. Es war ihm möglich, zwischen der ostdeutschen und der westdeutschen Welt zu wechseln. Im Osten wirkte er durch seine Vorlesungen und Gesprächskreise, und in Westdeutschland wurde er zu einem gern gesehenen Gast bei den Tagungen der Gruppe 47. Er stand in dieser Zeit auch mit Bert Brecht in Kontakt.

Sein Verhältnis zu den Machthabern der DDR wurden ab 1956 von stärkeren Reibereien geprägt. 1963 resignierte er und nutzte einen seiner West-Aufenthalte dazu, den dauerhaften Wechsel in den Westen zu vollziehen. 1965 wurde er auf einen neu eingerichteten Lehrstuhl für deutsche Literatur an der TU Hannover berufen. Diesen Lehrstuhl hatte er bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1973 inne. Danach lebte er als Honorarprofessor in Tübingen. Im Alter verließen ihn seine Sehkräfte, aber es war ihm möglich, seine Texte zu diktieren. Seine Veröffentlichungen reichen daher bis in sein hohes Alter hinein.

Werk

Das Werk von Hans Mayer umfasst mehr als vierzig Bände. Er hat sich in seinen Untersuchungen zur Literaturgeschichte mit Büchner, Thomas Mann, Montaigne, Robert Musil, James Joyce, Uwe Johnson, Günter Grass und anderen beschäftigt.

1935, im Exil, begann er mit den Vorarbeiten für sein großes Werk über Georg Büchner. Diese Arbeit über Büchner wurde ihm später von der Universität Leipzig als Habilitationsschrift anerkannt.

1962 brachte er die Aufsatzsammlung „Zur deutschen Literatur der Zeit“ heraus. 1986 ließ er diesem Band das Buch „Das unglückliche Bewusstsein – Zur deutschen Literaturgeschichte von Lessing bis Heine“ folgen. „Ein Deutscher auf Widerruf“ ist der Titel seiner dreibändigen Memoiren von 1982.

Die 1975 erschienene Untersuchung „Außenseiter“ wird von manchen als sein Hauptwerk betrachtet. In diesem Band beschäftigt er sich mit der literarischen Darstellung dreier Gruppen, die in der Geschichte häufig diskriminiert wurden: Frauen, männliche Homosexuelle und Juden Mit zweien dieser Gruppenzugehörigkeiten hatte er eigene Erfahrungen gesammelt – als Jude und als Homosexueller.

„Der Turm von Babel“ von 1991 ist ein Nachruf auf die DDR. Als Kernsatz wird häufig gesehen: „Das schlechte Ende widerlegt nicht einen möglicherweise guten Anfang“. Die DDR war für ihn über lange Zeit hinweg der bessere der beiden deutschen Staaten gewesen.

Der letzte von Mayer publizierte Band sind die „Erinnerungen an Willy Brandt“ von 2001.

Würdigung und Kritik

Wenn es darum geht, die Arbeit von Hans Mayer zu würdigen, dann werden vor allem diese Punkte hervorgehoben:

* Mitten im Stalinismus verteidigte er Autoren wie Kafka, Proust, Joyce und Bloch.
* In seinen Vorlesungen war es ihm wichtig, Literatur immer wieder daraufhin zu untersuchen, ob sie geeignet sei, Humanität zu fördern.
* Seine besondere Aufmerksamkeit für die Unbotmäßigen und „Außenseiter“ wird besonders herausgehoben.
* Mayer ist für manche junge Autoren ein wichtiger Förderer gewesen (zum Beispiel für Uwe Johnson).

Hans Mayer ist Ehrenbürger der Städte Köln und Leipzig, Ehrendoktor der Universitäten in Brüssel, Wisconsin und Leipzig, Ehrenprofessor der Universität Peking, Träger des »Großen Verdienstkreuzes mit Stern und Schulterband der Bundesrepublik Deutschland«.

Hans Mayer gehört mit Walter Benjamin, der ebenfalls mit ihm am Collège de Sociologie war, und einigen anderen zu den wichtigsten Literaturkritikern des 20. Jahrhunderts. Vielleicht hängt es mit einer ehemaligen Konkurrenzsituation zusammen, dass Marcel Reich-Ranicki einen Nachruf geschrieben hat, der Mayers Leben in einem ungünstigen Licht erscheinen lässt. Reich-Ranicki beschreibt die Lebensgeschichte von Hans Mayer als eine tragische Geschichte, als die Geschichte eines Menschen, der nirgendwo eine Heimat gefunden habe.

Werke

Eine Auswahl:

* Zur deutschen Literatur der Zeit, 1962
* Außenseiter, 1975
* Ein Deutscher auf Widerruf, 1982
* Das unglückliche Bewusstsein – Zur deutschen Literaturgeschichte von Lessing bis Heine, 1986
* Der Turm von Babel, 1991
* Versuch über Hans Henny Jahnn, 1994
* Erinnerungen an Willy Brandt, 2001

Sekundärliteratur

* Clemens Berger: Der späte Hans Mayer. Aspekte im Lebens-Werk eines Außenseiters, 2003 (Dipl. Arbeit, Wien)
* Stephan Moebius: DIE ZAUBERLEHRLINGE. Soziologiegeschichte des COLLÈGE DE SOCIOLOGIE 1937-1939 (Georges Bataille, Michel Leiris, Roger Caillois, die Geheimgesellschaft Acéphale und die Wirkungen auf Foucault, Lévinas, Nancy, Maffesoli, Baudrillard und Derrida). 552 Seiten, Konstanz: UVK, 2006, ISBN 3-89669-532-0


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