Lebendige Erinnerung

25. März 1997

Prof. Dr. Richard Beilharz

Prof. Dr. Richard Beilharz, Dekan (für die Sprachen Deutsch, Französisch, Englisch) der Pädagogischen Hochschule Heidelberg
(* 1932 in Bryn Mawr / USA † 25.03. 1997 in Heidelberg)

Heidelberg, eine der schönsten Städte nicht nur Deutschlands, sondern Europas, hat zahlreiche große Söhne und Töchter hervorgebracht, die wiederum dieses Zentrum der Natur, Kultur und Wissenschaft so gefördert haben, dass es bis heute trotz seiner über 800 Jahre noch immer in einer sich stetig runderneuernden Frühlingsblüte steht, bereit zu Wandel und Neubeginn.

Dennoch finden wir (in diesem Fall noch keine 20 Jahre nach dem Tod) von diesen großen Persönlichkeiten zunächst so gut wie keine Spuren mehr – keine Fotos, kaum Zeitungsberichte von einst, keine Lebensrückblicke.
Gut, dass es dieses ‚Portal der Erinnerung‘ gibt.
Denn ein zunächst noch unfertiger, nur aus der Erinnerung geborener und in der Folge fehlerhafter Nachruf führt in diesem Fall zu einem regen Gedankenaustausch mit den familiär oder auch kollegial Hinterbliebenen.
Kurz zur Entstehungsgeschichte dieses Nachrufs: Zunächst meldet sich kurz nach der Veröffentlichung ein emeritierter Universitätsprofessor, der seinen bedeutenden Kollegen Prof. Dr. Richard Beilharz in ein Romanisten-Lexikon aufnehmen wird und feststellt, dass das (zugegeben fiktive) Geburtsjahr nicht stimmen kann. Ich habe Herrn Prof. Dr. Richard Beilharz um acht Jahre zu jung geschätzt (na, besser als umgekehrt, sagen auch seine Töchter).
Der Herr Professor schlägt zwecks Klärung vor, den jüngeren Bruder Dr. Manfred Beilharz zu kontaktieren, einen kongenial bedeutenden Intendanten, Festival-Leiter und Theater-Regisseur. Dieser wiederum verweist auf die erwachsenen Kinder. Die Eckdaten des Lebens von Prof. Dr. Richard Beilharz stehen zwar nun fest. Gemeinsam kommt man freilich zu der Erkenntnis, dass kein Nachruf (selbst wenn er gegen jede Wahrscheinlichkeit keine Fehler mehr enthielte) und auch kein (eher sachlicher) Wikipedia-Artikel dieser überragenden Heidelberger Persönlichkeit wirklich gerecht werden kann.
Allenfalls lassen sich Mosaiksteinchen so legen, dass das Kaleidoskop der Menschlichkeit zumindest schattenhaft zu erahnen ist.
Ich will dies nun noch einmal versuchen.

Richard Beilharz war ein großer Mann, ein liebenswerter und freundlicher Herr, ein Intellektueller mit Herz, bei dem auch ich gerne im Nachhinein Französisch studiert hätte, mit dem ich gerne auf Exkursion gegangen wäre.
Ich hatte jedoch (die Qual der Wahl besiegend und bei ebenfalls ausgezeichneten Lehrern) Deutsch und Musik studiert, lernte Herrn Prof. Dr. Richard Beilharz erst kennen, als ich 33jährig schon acht Jahre lang Lehrer war. Es war bei einer Feier an ‚meiner‘ Hochschule, der ich über meine Studienzeit hinaus verbunden geblieben war und zu deren festlichen Anlässen ich gelegentlich eingeladen wurde.
Irgendwann an diesem Abend ergab es sich aus einem mir nicht mehr erinnerlichen Anlass, dass ich auf (noch von meiner Schulzeit her passablem) Französisch aus einem Lieblingslied von Reinhard Mey zitierte, der einst (in den 70ern) als Frederik Mey auch in unserem nunmehr befreundeten Nachbarland (um es frankophil zu sagen) ‚reüssiert‘ hatte:
„C’était une bonne année je crois“, das wir uns hier sogar anhören können –

https://www.youtube.com/watch?v=t3QrcYJ5b-4

Die schönsten Verse trafen damals auf die allesamt ehrenwerten Anwesenden (Professoren, Doktoren, Oberstudienräte) nur teilweise zu – nämlich was die ‚Lachfalten‘ betrifft; sogar ich war damals halbwegs saniert:
„Et si mes poches restent vides, J‘ai gagné mille souvenirs, Si mon visage a pris quelques rides, Ce sont les traces des sourires!…“
(zu Deutsch: ‚Und wenn meine Taschen auch leer sind, so habe ich doch 1000 Erinnerungen gewonnen; wenn mein Gesicht Furchen abgekriegt hat, so sind das Lachfalten…‘)
Es war gar nicht meine Absicht, den Herrn Professor mit dieser Spontanrezitation zu beeindrucken, ich wollte ihm nur eine Freude machen; aber seither kannten wir uns, verband uns die gemeinsame Liebe zur französischen Sprache, zur Musik, zur gesungenen Lyrik.
Zwei Jahre später kam es dann zu einer Zusammenarbeit, die zu einem der gesellschaftlichen Höhepunkte meines Lebens führen sollte: Wir probten zunächst zu zweit, sodann mit einigen seiner hochrangigen Kollegen (auch ein Oberverwaltungsrat war dabei) einen von uns gemeinsam umgeschriebenen Abschiedssong für die beiden Vorstände des Fördervereins, die sich zur Ruhe setzten: die auch längst verstorbenen Herren Prof. Dr. Frank und Riethmüller.
Ich habe ihrer an dieser Stelle bereits gedacht (und auch da gab es in einem Fall ein Echo aus berufenem Munde):
http://www.portal-der-erinnerung.de/2012/11/02/prof-dr-gerhard-frank/

http://www.portal-der-erinnerung.de/1998/06/23/prof-walter-riethmulle/

Das zugrundeliegende Originallied „Was sind schon sechzig Jahre?“ von 1986 (dessen Text Herr Prof. Dr. Beilharz auf einer Bahnfahrt nach Paris auf wunderbare Weise überarbeitet und persönlich auf die beiden großen Persönlichkeiten hin aktualisiert hat) können wir sogar heute noch hören – zu Ehren des noch immer lebendig wirkenden Interpreten Peter Alexander und der Verstorbenen, denen ich jeweils mehr verdanke als diese mir (wie dies zwischen Lehrern und Schülern fast immer ist), die freilich angetan waren von meinen bescheidenen künstlerischen Bemühungen um Musik und Sprache:
http://www.myvideo.de/watch/7748786/Peter_Alexander_Was_sind_schon_60_Jahre

Leider bricht die Wiedergabe plötzlich ab – Allegorie für unser jeweiliges Leben?…
Auf der würdigen Strahlenburg in Schriesheim bei Heidelberg jedenfalls kam es im Frühsommer 1991 zur Aufführung, mit Herrn Beilharz als Solist (er konnte als ausgebildeter Bassbariton hörenswert singen) und mit mir an einem leider ziemlich verstimmten Flügel.
Und doch fühlte ich mich dieser besonderen Welt der Gelehrten und Gebildeten weit eher zugehörig als noch 15 Jahre zuvor als Student, ein Jahrzehnt früher als Referendar.
Es schien mir gar, als bliebe die Zeit stehen – im Sinne Goethes: „Verweile Augenblick! Du bist so schön…“
Das war natürlich eine Illusion. Zu einem weiteren nur lose geplanten Auftritt kam es nicht mehr, obwohl ich seit 1993 noch einmal knapp drei Jahre an ‚meiner‘ PH studieren sollte.
Herr Beilharz, der allseits beliebte, ja von vielen seiner Schüler und Kollegen geliebte Dekan unseres Fachbereichs, erkrankte schwer. Lebensfroh war er bis zuletzt, zuversichtlich wohl auch über das irdische Dasein hinaus.
Wir sahen uns noch wenige Male, immer blinzelte er mir augenzwinkernd zu.
‚Wie Freunde, wie Komplizen waren wir…‘
https://www.youtube.com/watch?v=1yRhWTmcW9Q

Im Frühjahr 1997 erfuhr ich ausgerechnet von Herrn Prof. Riethmüller, dass sein Kollege, unser väterlicher Freund würdevoll, tapfer und aufrecht für immer von uns gegangen war.
Ich war mitten im Restaurant den Tränen nah. Ein Jahr später starb überraschend auch der Überbringer der traurigen Nachricht.
„Ich, Portos, sitze heut‘ / An unsrem Tisch allein…“?
Das stimmt nicht ganz: Die gesamte Familie gedenkt seiner in Trauer, aber auch in Dankbarkeit.
Ich bin stolz darauf, froh, Herrn Prof. Dr. Richard Beilharz eine Weile (nicht nur am Klavier) begleitet zu haben, und froh, in Zusammenhang mit diesem Nachruf auch seinen ihrerseits beeindruckenden Hinterbliebenen eines großen Heidelbergers begegnet zu sein.
RIP Richard Beilharz!

Gerne hätte ich meinem Vorbild von einst und bis heute ein eigenes Gedicht gewidmet, das seiner würdig gewesen wäre.
Eben dies lässt sich allerdings nicht erzwingen; meine Versuche sind kläglich gescheitert (wobei ich auf die Beweise meiner Schüttelreimkunst besser verzichte).
Nun ist mir soeben in anderem Zusammenhang eine Ballade gelungen, die sich zur Ehrung diesen großen Wissenschaftlers und Lehrers eignet, dessen gutes Namensgedächtnis nämlich an Simonides von Keos erinnert, um den es in dieser lyrischen Erzählung geht.
Dem Herrn Prof. Dr. Richard Beilharz hätte dieser ‚ewige‘ Vergleich über die Jahrtausende hinweg wohl gefallen; ich sehe ihn lebhaft vor mir, wie er schmunzelt und mir augenzwinkernd zunickt.

Die Legende von Simonides und der göttlichen Ordnung
Fred Maurer, September 2015

„Die göttliche Ordnung verschafft dem Gedächtnis allein der Erinnerung Licht…
Nun Fremder aus Syrakus, Ihr zweifelt und glaubt mir nicht?“
Der alte griechische Lehrer maß den Ankömmling in nachsichtiger Gelassenheit:
„Euer Weg war steinig; Ihr habt gewiss doch etwas Zeit.
Drum will ich zum göttlichen Beweis ein trefflich Beispiel wählen
Und Euch diese seltsame, doch wahre Legende erzählen…

Sagt euch Simonides und der ‚Kanon unserer neun Lyriker‘ etwas?
Wie? Ich soll ihn mal ansingen? Na, Ihr macht mir Spaß!
Wo Euresgleichen Kinderlieder singt, als schmoret ihr im eignen Saft,
Da denkt unsereins an neun Dichter voll edler Schaffenskraft.
Von Simonides stammt das berühmte ‚Wanderer nach Sparta‘-Distichon,
Das künftige Dichter wohl aufgreifen werden (doch wer weiß das heut‘ schon?)…

Als berüchtigt für seine Trunksucht und für wüste Festgelage
Galt Skopas von Krannon in Thessalien – so beginnt unsere Sage.
Er liebte es auf von Sklaven getragenen Sänften zu schweben
Und selbstverliebt von Prominenz geschmückte Partys zu geben.
Auch bat er den Dichter Simonides für ihn ein Preislied zu verfassen:
Diesem vor bewunderndem Publikum zu lauschen liebte er über alle Maßen.

Um seine formschöne Lyrik göttlich auszuschmücken,
Das erles’ne Publikum durch Wort, Witz und Einsicht zu entzücken,
Widmete geschichtsbewusst wie er nun einmal war
unser Dichter gewandt einige wenige Verse auch dem Dioskurenpaar.
Was, auch die beiden kommen fremd euch vor?:
Es sind die Halb- und Zwillingsbrüder Polydeukes und Kastor.

Dieser mystische Seitengedanke kostete zwar nur Sekunden an Zeit,
Doch missfiel er Skopas selbstverliebter Eitelkeit:
‚Ich zahl dir nur die eine Hälfte von deinem Lohn;
Die andere hast du sicher von Castor und Pollux schon.
Deren Mutter Leda schlief bekanntlich auch mit einem Schwan;
Göttlicher sind ja wohl wir!‘, so sprach er stolz im Größenwahn.

Simonides von Keon machte gute Miene zum bösen Spiel;
Zwar waren nur 50 Drachmen für seine Verse nicht eben viel.
Doch galt es Aufsehen und öffentlich Streit zu vermeiden –
Als Dichter hoffte man auch damals schon auf bessere Zeiten.
Der Gastgeber entweihte derweil einen heiligen Becher mit Wein;
Geizig wie er war trank er den vor aller Augen lieber allein.

Doch bald trat ein Diener an unseren Dichter heran:
Zwei junge Männer kündigten sich soeben an;
Die wünschten ihn dringend zu sprechen und zu sehen
Und würden ungeduldig draußen vor dem Eingang stehen.
Doch als Simonides eilenden Schrittes trat hinaus –
Stürzte hinter ihm krachend in sich zusammen das Haus.

Ein Trümmerfeld – das war die göttliche Ordnung antiker Zeiten;
Gerecht oder Willkür können wir Menschen nicht entscheiden.
Mehrere verschüttete Tote galt es zu beklagen;
Nur wer unter den Trümmern wer war, wusste keiner zu sagen –
Außer Simonides, der den Sitzplan noch wusste,
noch nicht einmal lange überlegen musste.

Und die Ordnung, die unserem Gedächtnis Licht verschafft?
Das Sternpaar von Castor und Pollux leuchtet bis heute voller Kraft…

Dipl.-Päd. RL Fred Maurer

Gedanken und Erinnerungen an Prof. Dr. Richard Beilharz hinterlassen:

Um Missbrauch zu vermeiden erscheint der Eintrag jedoch erst nach Sichtung durch die Redaktion.

© 2016 Portal der Erinnerung ist ein Projekt von hassheider koeln
Wp | Anmelden |