Lebendige Erinnerung

15. April 1993

Uwe Beyer

Uwe Beyer (* 14. April 1945 in Kiel; † 15. April 1993 in Belek bei Antalya, Türkei) war ein deutscher Leichtathlet und für einen einzigen Film ein Schauspieler ohne eigene Stimme, der diese freilich später im Kampf gegen Doping im Leistungssport mutig erheben sollte.

 

Der erfolgreiche Sportler… / der durchaus begabte Schauspieler… / und im ‚Aktuellen Sportstudio‘ 1977

 

Wir alle sind (laut einem Aphorismus des deutschen Dichters Conrad F. Meyers) ‚Menschen in unserem Widerspruch‘. Wer Fehler- und Makellosigkeit, womöglich ‚Unfehlbarkeit‘ für sich beansprucht, hat den ersten Fehler schon gemacht.
Diese Erkenntnis gilt auch für unsere Verstorbenen. Über sie sollten wir entweder gar nicht schreiben (und ihnen somit das Recht einräumen, vergessen zu werden) oder aber, wenn wir sie in Ehren halten wollen, auf anständige, faire Weise – gemäß dem ebenso bekannten lateinischen Spruch ‚de mortuis nihil nisi bene‘.
Uwe Beyer habe ich vor fast einem halben Jahrhundert im Alter von 10 Jahren erstmals gesehen und gleich bewundert: nicht etwa als Sportler, sondern in der Hauptrolle als germanischer Held Siegfried im ersten Teil der Kinoproduktion „Die Nibelungen“ von 1966/1967 (nach dem ‚Nibelungenlied‘, das mich bis heute nunmehr aus wissenschaftlichem Impetus nicht loslässt), siehe z.B.
http://www.zelluloid.de/filme/kritik.php3?tid=3256

Uwe Beyer war jedoch nicht Gelegenheitsschauspieler, sondern in erster Linie Hammerwerfer, wie ich Jahre später erfuhr.
Als Jugendlicher habe ich mir sodann analog zu den intensiven und gut erinnerlichen Filmszenen (Speer- und Steinwurf als vielfach tödlicher ‚Minnedienst‘ an der überirdisch starken Brunhild) vorgestellt, dass tatsächlich ein Hammer durch die Luft fliegt, wie der Opa ihn geschickt, aber ganz unwettkämpferisch in seiner Werkstatt benutzte. In der ‚Sportschau‘ (damals wie heute so um 18 Uhr herum mit dem legendären Ernst Huberty) kamen Randsportarten kaum vor, da dominierte der Fußball; und das ‚Aktuelle Sportstudio‘ durfte ich (ab 1963, da mit erst sieben Jahren) noch lange nicht gucken.
Heute weiß ich, ein „Wurfhammer“ ist eine an einem Stahldraht befestigte Metallkugel, die es so weit wie möglich zu schleudern gilt.
Dieses Sportgerät wiegt bei den Männern wie die Kugel beim Kugelstoßen einschließlich Griff 7,26 Kilogramm. Unsereins käme selbst bei intensivem Training nicht über 8 m hinaus und würde sich vorher den Arm auskugeln – dabei denke ich noch heute an König Gunther von Burgund, der sich damals ohne Siegfrieds ‚Schützenhilfe‘ unter seiner Tarnkappe erbärmlich blamiert hätte.
Uwe Beyer war als Hammerwerfer einer der besten Leichtathleten der Welt: Olympiadritter 1964 in Tokio (mit 68,09 m) und Dritter der Leichtathletik-Europameisterschaften in Budapest 1966 (mit 67,28 m); 1971 glückte ihm der Sieg bei den Leichtathletik-Europameisterschaften – sein größter Erfolg!
Uwe Beyers Vater, der Technische Zeichner Erich Beyer war ebenfalls Leichtathlet gewesen und nahm immerhin an den Qualifikationen zu den Olympischen Sommerspielen 1936 teil: Dabei sein ist nicht alles, aber doch viel!
Vor allem aber war Uwe Beyer wie weiland sein Vater und noch heute sein Sohn ein Bild von einem Mann, wobei er (schuldlos) einige ‚germanische‘ Klischees bediente: Blond, blauäugig, für damalige Verhältnisse mit 1,91 m geradezu eine Hüne.
Sein Gesicht wirkte leicht androgyn, was aber für seinen Sport unwichtig, für seine Filmrolle ideal war.
Denn auch der reale Siegfried war zu weich, zu nachgiebig für die ihn umgebende Welt; wer einen alten Drachen besiegt, sodann im Bade seines Blutes (bis auf eine Stelle zwischen den Schulterblättern, wohin sich ein Lindenblatt verirrt hat) körperliche Unverwundbarkeit erlangt und wem das Herz gleich zweier Frauen zufliegt, hat gegen ehrversessene Intriganten (der starke Hagen v. Tronje, sein eher schwacher König Gunther) keine Chance.
Uwe Beyer war auch im Spielfilm (sogar in Farbe und auf beeindruckender Breitleinwand) körperlich sehr präsent, durfte immer wieder mit freiem Oberkörper seine beachtlichen Muskeln spielen lassen – nur zu hören war er nicht, wurde (wie einige Darsteller mehr, z.B. Terence Hill, der damals noch Mario Girotti hieß) freilich perfekt synchronisiert (von dem heute 73 Jahre alten, damals 24jährigen Schauspieler Thomas Danneberg), was ich auch erst seit ein paar Jahren weiß.
Der gelernte Feinmechaniker Uwe Beyer schloss nach seiner aktiven Karriere ein Sportstudium ab und machte sich 1976 mit einem Sportgeschäft in Mainz selbständig, das auch nach seinem Tod unter der Leitung seines Sohn Eric (!) knapp zwei Jahrzehnte lang weiterbestand und erst vor 3 ½ Jahren (2012) des Internet-veränderten Kaufverhaltens der Konsumenten wegen schließen musste.

Keine Vita ohne Wehrmutstropfen.
Bei den Recherchen zu diesem Nachruf stieß ich sodann auf ein Video der letzten halben Stunde eines ‚Aktuellen Sportstudios‘ von 1977 (ZDF), an welches ich mich nicht mehr erinnerte, welches sich jedoch dem damals bereits brisanten Thema ‚Doping‘ zuwandte:

http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/1958280/Die-Doping-Diskussion-von-1977-%25281%2529#/beitrag/video/1958280/Die-Doping-Diskussion-von-1977-%281%29

Ein sehenswertes Filmdokument, das uns nachdenklich machen sollte und in dem nicht nur der (unvergessliche) Moderator Harry Valerien einerseits und die entschiedenen Doping-Gegnerinnen (die Spitzensportlerinnen und Gymnasiallehrerinnen Brigitte Berendonk und Liesel Westermann) überzeugen, sondern (wenn auch mit einem erheblichen Fragezeichen zur Eigenverantwortlichkeit des Sportprofis) Uwe Beyer selbst, der offen über seine Einnahme von Anabolika vor Wettkämpfen (und die nachlassende Leistung nach deren Absetzung) spricht – wozu auch Überwindung und Mut gehört. Keiner hätte ihn zu diesem ‚Teilgeständnis‘ zwingen können.
Auch in dieser frühen Talkshow macht Uwe Beyer also eine gute Figur – auch in dem, was er sagt, in seiner entwaffnenden Offenheit und mit einer Stimme, mit der er auch im Film hätte bestehen können.
Dass er damals (wenn auch spät, erst mit über 30, ab 1974) Anabolika zur Leistungssteigerung nahm, musste er wahrscheinlich teuer bezahlen: Er starb 1993 gerade mal mit 48 Jahren überraschend beim eher seniorenmäßigen Tennisspiel in seinem Urlaubsort an einem Herzinfarkt – womöglich eine Spätfolge jahrelangen Dopings.
Ich war damals, im Sommer 1993, fast so schwer vom völlig überraschenden Tod meines (neben Winnetou) einstigen Idols getroffen wie einst Siegfried von Hagens Speer aus dem Hinterhalt.

War die Todesursache tatsächlich ausschließlich Doping?
Vielleicht war es ja auch ganz anders. Helden und Heldinnen sterben oft jung.
48 Jahre wurden auch andere nicht: Achilles (der mit der empfindsamen Ferse, über den ich auch mal ein paar Verse schreiben sollte, „Achilles-Verse“), Anne Frank und Stauffenberg, James Dean, Alexandra…
Vielleicht hielt es Krimhild im Jenseits ohne ihn einfach nicht mehr länger aus und bat Wotan (den germanischen Obergott) um Amtshilfe? Oder zog ihn die schöne Isländerin Brunhild in ihren Zauberbann, die sich (jedenfalls im Film) aus verzweifelter Liebe zu ihm und aus Selbstvorwürfen das Leben genommen hatte?
Ein Herzinfarkt beim Sport ist jedenfalls ein gnädiger Tod, von dem Uwe Beyer selbst nichts mehr mitbekommen hat. Wobei das uns Hinterbliebene nur bedingt tröstet.
In der filmischen Todesszene schien sich Siegfried fast noch über seinen Mörder zu erheben, ehe er tot zusammenbrach: Da mischte sich Erstaunen, Entsetzen, Hass…
Vielleicht registriert Uwe Beyer ja auf seiner Drachenwolke, dass wir Sport- und Filmfans ihn nicht vergessen haben; sodann wäre das Drachenblut der Unverwundbarkeit doch noch wirksam.

‚Ich kann euch nicht berichten, was seither noch geschah;
Als man die Ritter und ihre Frauen weinen sah.
Dazu die edlen Knechte, ihre lieben Freunde sind tot.
Hier hat die Mär ein Ende: Das ist der Nibelungen Not…‘

Das Burgunderreich ist lange untergegangen, die Nibelungen allesamt tot.
Die Zeiten haben sich auch in der Leichtathletik verändert: Heute werfen die Weltklasse-Hammerwerfer bis zu 86 m.
Die Frage, ob ihnen dies regulär, ohne Doping also gelingt, braucht uns hier nicht zu interessieren.
Die Absicht dieses Nachrufes ist nicht, die Welt (des Leistungssports) zu retten – sondern dem Menschen Uwe ‚Siegfried‘ Beyer ein kleines Denkmal zu setzen. RIP

Dipl.-Päd. RL Fred Maurer

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