Lebendige Erinnerung

16. Juli 1985

Heinrich Theodor Böll

Heinrich Theodor Böll (* 21. Dezember 1917 in Köln; † 16. Juli 1985 in Kreuzau-Langenbroich) war einer der bedeutendsten deutschen Schriftsteller der Nachkriegszeit, Journalist und Übersetzer. Im Jahr 1972 erhielt er den Nobelpreis für Literatur.

hb

der junge Dichter und Vater … in den 70ern bei einer Pressekonferenz… und mit dem russischen Nobelpreiskollegen Solschenizyn

Fast hätten wir den 30. Todestag eines ganz Großen vergessen – auch ich, der ich ihm literarisch, auch für mein eigenes Schreiben einiges verdanke und seit bald 40 Jahren immer mal wieder von ihm gelesen, über ihn geschrieben habe:
Dabei galt Heinrich Böll mehrere Jahrzehnte lang nicht nur hierzulande, sondern auch international als einer der bedeutendsten Vertreter der Nachkriegsliteratur.
Äußere Zeichen sind der 1972 verliehene Literaturnobelpreis, die lange hohen Buchauflagen sowie zahlreiche Verfilmungen seiner Erzählungen und Romane für Fernsehen und Kino.

Bölls literarisch-journalistisches Werk aus fünf Jahrzehnten zeigt selbst in notwendig verkürzter exemplarischer Übersicht eine beeindruckende thematische Bandbreite (von der Nachkriegs- und Trümmerproblematik des Verdrängens einer schuldhaft-düsteren Vergangenheit über die umstrittene Wiederbewaffnung zu der Zeit des fragwürdigen Wirtschaftswunders und den psychischen Nöten der Leistungsgesellschaft), offenbart einen hohen auch literaturwissenschaftlichen wie -didaktischen Wert sowie (um diesen Sonderstatus noch einmal zu nennen) eine beachtliche Rezeptions- und Filmgeschichte.

Die Kurzgeschichten und Romane der so genannten Kriegs- und Trümmerliteratur Bölls schildern existenzielle und teilweise auch semikriminalistische Sonderfälle (mit ihnen beschäftige ich mich seit bald fünf Jahren wissenschaftlich), in denen das ja keineswegs anonyme oder durch ‚höhere Gewalt‘ geschehene ‚Verbrechen an der Menschlichkeit‘ eine zentrale Rolle spielt und die als Verbrechensliteratur auch dadurch dem kollektiven Bewusstsein nicht verloren gehen sollten:
Vor allem die erfahrungsgemäß auch Jugendliche ab Klasse 9 beeindruckende Kurz- und zugleich ‚Kulminationsgeschichte‘ durchaus mit satirischem Einschlag „Wanderer kommst du nach Spa…“ von 1950 thematisiert „das Grauen des Krieges, die Erfahrung der Sinnlosigkeit von Gewalt und Zerstörung, die Orientierungslosigkeit der Heimkehrer“ (Anselm Salzer in einem literaturgeschichtlichen Lexikon) ohne jede Zukunftsperspektive, die womöglich an ihrer alten Schule sterben, an der sie keineswegs mehr ‚humanistisch gebildet‘, sondern sogar im scheinbar ideologiefreien Zeichenunterricht im Sinn des fragwürdigen, längst anachronistischen Horazschen ‚Sinnspruchs‘ „Dulce et decorum est pro patria mori“ (‚Süß und ehrenvoll ist es, fürs Vaterland zu sterben…‘!) auf ihren soldatischen Tod vorbereitet wurden.
Das unvollendete gleichfalls martialische Zitat als geniale Idee Bölls, ein in ironischer Brechung verkürztes Distichon von Simonides von Keos in der bekannten Übersetzung Friedrich Schillers steht symbolisch für das auf tragische Weise unvollendete Leben des Ich-Erzählers:
„Wanderer, kommst du nach Sparta, verkündige dort, du habest uns hier liegen geseh‘n wie das Gesetz es befahl…“
Böll schildert hier ein Verbrechen an der Menschlichkeit, symbolisch verdichtet in einem schwerst- und tödlich verwundeten Jungen, mit dem wir uns unabhängig von unserem eigenen Alter identifizieren können.
Die verstümmelte Wortsilbe ‚Spa‘ birgt für diese auch heutige, von der Wehrpflicht, aber nicht von den weltweiten Kriegsschrecken verschonte Jugendliche erschütternde Erzählung eine dreifache tragische Ironie – nur ein Beweis für Bölls Genialität.
Zunächst steht sie für ein nicht zu Ende geschriebenes ‚Sparta‘ (und somit für das gewaltsam abgebrochene Leben junger Soldaten); darüber hinaus ist Spa analog zur englischen Wortbedeutung und nach einem gleichnamigen belgischen Badeort ein Symbolbegriff für lururiöse Wellnessoasen, die freilich Kriegsverwundeten allgemein und insbesondere (wir erfahren hiervon freilich erst in der bitteren Pointe ganz am Schluss) dem Ich-Erzähler nicht im Geringsten nützen würden.
Schließlich war Spa in den letzten Monaten des Ersten Weltkriegs Sitz des deutschen Hauptquartiers; hier unterschrieb Kaiser Wilhelm II. seine Abdankungsurkunde…

Die „Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral“ steht noch heute in den Deutschbüchern für die Jugendlichen der Klassen 9 – passend und kontrapunktisch zugleich zu ihrem einwöchigen Berufspraktikum. Allzu wörtlich ist freilich diese Satire nicht zu nehmen: Zwar ist der am Strand faulenzende Fischer am Ende gegenüber dem ständig an seine Arbeit und den optimalen beruflichen Erfolg denkenden Touristen der Überlegene – aber Böll hat nie nur das Nötigste getan, war vielmehr immens fleißig und produktiv, auch hierin uns ein Vorbild.
Genial ist z.B. auch Bölls Idee, in seiner Satire „Doktor Murkes gesammeltes Schweigen“ im posttechnischen Zeitalter den tragikomischen Antihelden Tonbandschnipsel aneinanderfügen zu lassen, auf denen nichts zu hören ist, weil den Rundfunk-Schwätzern um den scheinheiligen Theologen Bur-Marlottke in ihrer gedanklichen Leere für wenige Sekunden nichts einfiel. In seinen Mußestunden hört er sich diese Stille genussvoll und erleichtert an – und könnte dies im digitalen Zeitalter der täglichen (viel zu zahlreichen) Talkshows noch immer…
Übersehen wird gerne die Religiosität der Erzählung, Bölls keineswegs ironisch gebrochenes Bekenntnis zu einem schlichten, doch authentischen Glauben: „Ich bete für dich (für Murke) in Sankt Jacobi…“ (Spruch auf einem „kitschigen Herz-Jesu-Bildchen, das seine Mutter ihm geschickt hatte“)
Diese Doppelbödigkeit hatten sogar die beiden von mir bis heute geschätzten Professoren der Pädagogischen Hochschule Heidelberg im Sommersemester 1989 nicht begriffen, nicht begreifen können, weil sie als Vorbereitung lediglich die (verkürzte) Fernsehspielfassung angeschaut hatten statt auch den Originaltext zu lesen. Es war damals für mich (als wenn auch willkommener Gasthörer) zwecklos zu widersprechen – und deshalb stelle ich mir nun anlässlich dieser teils schmerzlichen, teils heiteren Erinnerungen auch an die eigenen Leseerfahrungen vor, wie Böll diesen beiden ihrerseits längst verstorbenen Lehrern auf einer gemeinsamen literarischen Wolke erläutert, was alles er damals auf nur wenigen Buchseiten habe ausdrücken wollen. Mutmaßlich glauben sie dem Autor selbst eher als damals mir.

‚De mortuis nihil nisi bene‘.
Dieser pietätvolle Grundsatz bedeutet freilich nicht, dass der Nachrufende nicht auch die kritischen Punkte des Geehrten nennen darf, ansprechen sollte.
Zugleich ist der heute leider kulturell nur noch mäßig ‚präsente‘ Schriftsteller wie jede wirklich große Künstlerpersönlichkeit einerseits stilistisch, andererseits (und schwerwiegender) politisch umstritten, seit er wie in den 50er und 60er Jahren Realität nicht nur (aus Opfersicht) beschrieb, sondern sich als Präsident des PEN in politische und ethische Fragen einmischte, auch international verfolgte Schriftstellerkollegen zu unterstützen versuchte, so die sowjetischen Dissidenten Alexander Solschenizyn (1974) und Lew Kopelew (1980) in seinem Haus:
„Bei mir ist jeder Flüchtling willkommen, egal ob er aus einem kommunistischen Land kommt oder als Kommunist aus einem nichtkommunistischen Land. Wenn Alexander Solschenizyn kommt, dann erhält er bei uns Tee, Brot und Bett.“
Der den Machthabern unbequeme russische Dichter kam, kehrte erst 1994 wieder in seine Heimat zurück.

Fragwürdig erscheint freilich Bölls (nur versöhnliche, doch allzu nachgiebige, gar verharmlosende?) Haltung gegenüber der Baader-Meinhof-Gruppe, die sich in seinem kritischen, 1972 im SPIEGEL veröffentlichten, auch aufgrund seiner mehrdeutigen Kunstfertigkeit und thematischen Ambivalenz missverständlichen und insofern bis heute kontrovers diskutierten Essay „Will Ulrike Gnade oder freies Geleit?“ widerspiegelt, das sich primär gegen die Vorverurteilung lediglich gewisser Straftaten wie Banküberfälle verdächtiger Linksextremisten der Sensations- und Boulevardpresse wendet.

Vielleicht liegt es auch an der damaligen Umstrittenheit Bölls, dass er nach seinem Tode aus Pietät und Gleichgültigkeit zugleich von der Folgegeneration (zu Unrecht) fast vergessen wurde:
„Anders als Günter Grass (der zuletzt freilich mit seinem SS-Outing und seinem Israel-Gedicht eher negative Schlagzeilen gemacht und sich aus Schülersicht noch eher moralisch als künstlerisch disqualifiziert hat, A.M.) wird der verstorbene Heinrich Böll heute … kaum noch wahrgenommen… Den einen gilt er als das unbeugsame moralische Gewissen der Nation, den anderen als Sympathisant der Terroristenszene (!) …“ (Anselm Salzer)

Die Kriminalsatire von 1974 „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ gegen falsch verstandene Pressefreiheit und polizeilich-staatliche Hetzjagd auf Kleinkriminelle (keineswegs geht es hier um Terrorismus) steht in Zusammenhang mit einer nach dieser SPIEGEL-Veröffentlichung entstandenen ‚Rufmordkampagne‘: Konservative Politiker und Medien (allen voran die BILD-Zeitung) sahen in Böll einen Sympathisanten des Linksextremismus; Polizisten stellten 1972 (am Tag der Verhaftung von Andreas Baader, Jan-Carl Raspe und Holger Meins) per Durchsuchungsbefehl im Zuge der Terroristenfahndung Bölls Haus auf den Kopf – diese traumatische Szenerie wird sich als hyperbolische Realsatire im Roman wiederfinden, zumal 1974 auch sein Sohn Raimund „in den Verdacht der linksterroristischen Komplizenschaft“ geriet. Dabei traf es Böll besonders, dass das Springer-Blatt schon Stunden vor der tatsächlichen Haussuchung das Geschehen meldete (was die unselige, menschenverachtende Kooperation von Polizei und Presse bewies) – ein weiterer Anlass für die binnen weniger Wochen (vielleicht doch ein bisschen zu rasch) entstandene Kriminalsatire, die zunächst als Fortsetzungsgeschichte in vier Folgen vom SPIEGEL vorabgedruckt wurde.
Absolut sehenswert ist die kongeniale, ja sogar noch dichtere, spannendere Kinoverfilmung (von Schlöndorff und v. Trotta aus dem Jahr 1975 mit Angela Winkler in der Titelrolle, Jürgen Prochnow als ihr krimineller Freund, Mario Adorf als Kommissar Beizmenne), die wenigstens anlässlich des Todestags im Fernsehen hätte wiederholt werden können. Ich habe diese außergewöhnliche Kriminalgeschichte mehrmals (textlich ergänzt) mit Erfolg Realschulabschlussklassen gezeigt.
Der bedeutendste, ebenfalls verfilmte Roman sind freilich die „Ansichten eines Clowns“, „eine ergreifende Liebeserzählung und ein hart, schmerzlich angreifender Gesellschaftsbericht“ (wie die ZEIT bereits im Erscheinungsjahr 1963 schrieb).
Ein zunächst erfolgreicher Humorist zerbricht an seinem Liebeskummer, sitzt am Ende wie ein Bettler auf den Treppenstufen des Kölner Hauptbahnhofs…

Böll wäre heute fast 100. Dieses Alter erreichen freilich auch Schriftsteller höchst selten.
Lebendig sollte er freilich bleiben – in unserer Erinnerung, in unserem kollektiven Gedächtnis.
In der ‚Frankfurter Allgemeinen‘ fragte 2008 ein Bewunderer von Heinrich Böll den Literaturkenner (-„papst“) Marcel Reich-Ranicki nach dessen literarisch-kulturellen Überlebenschancen.
Der antwortete erstaunlich skeptisch:
„… Bölls Romane und Geschichten, die zunächst während des Zweiten Weltkriegs spielen und dann in der Bundesrepublik, handeln vom Schicksal der Opfer, der kleinen Leute, jener, die getreten und getrieben werden. Aber er zeigt nicht, wie die Menschen den Krieg machen, sondern was der Krieg aus den Menschen macht. Auch in der Nachkriegszeit bleibt der Blick dieses Erzählers auf die Erniedrigten und die Beleidigten gerichtet. Als neues Thema kommt die satirische Kritik des westdeutschen Kulturbetriebs hinzu.
Nun war Böll zwar einer der wichtigsten deutschen Schriftsteller seiner Zeit…; seine Romane sind (jedoch) mittlerweile allesamt (!) in Vergessenheit geraten.
Literarisch wertvoller sind … einige seiner Geschichten, beispielsweise … ‚Wanderer, kommst du nach Spa‘ und die glänzende Satire ‚Doktor Murkes gesammeltes Schweigen‘. Wie auch immer: Man wird Böll wenig lesen, doch wird man sich an ihn sehr wohl erinnern…“
‚Seine Romane allesamt in Vergessenheit geraten?‘ Hier sind zumindest die beiden hier exemplarisch aufgeführten auszunehmen: „Ansichten eines Clowns“ und „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ – sicher auch ihrer Verfilmungen wegen.
Überleben wird auch Bölls erwähntes Essay zu Ulrike Meinhof – sicher auch wegen dessen zu Missverständnissen provozierenden Uneindeutigkeit und deren dialektisch unauflöslicher Ambivalenz (denn sie war vor ihrem kriminellen Irrweg eine hochbegabte Journalistin).
Die Faszination, die von Böll ausging, beschreibt Willy Brandt in seinen Erinnerungen: „Unvergesslich dieser wohltuende Mangel an Dämonie. Diese Stimme, das Gegenteil eines metallischen Organs, leise und vernehmlich auf Menschlichkeit beharrend, dem Spießertum in die Parade fahrend.“

Am Ende einer anstrengenden Arbeitswoche dem großen Schriftsteller Heinrich Böll zu Ehren ein Gedicht zu verfassen (nicht etwa auf die Schnelle), gelingt selbst schreibenden Profis kaum – wie mir neulich erst Dr. Pirmin Meier schrieb, journalistisch weit professioneller und erfolgreicher als ich.
Ich habe deshalb zwei lyrische Requien erstens auf seinen großen, letztes Jahr freilich im hohen Alter verstorbenen Dichterkollegen Siegfried Lenz und zweitens auf James Last, eine Genie der Musik, überarbeitet und für Böll umgewidmet.
Seine Buchzitate habe ich zur Kenntlichmachung in halbe Anführungszeichen gesetzt.
Wer weiß, vielleicht sitzen diese drei Genies auf einer gemeinsamen Wolke ja gerade zusammen, nicken sich einverständlich zu und denken gleichzeitig (angelehnt an / frei nach Stefan Zweigs „Schachnovelle“): „Für einen Dilettanten gar nicht so schlecht.“
Ich jedenfalls halte mich schon mal bereit – für den Fall, dass ich diesen meinen literarischen bzw. musikalischen Vorbildern eines Tages (wieder)begegnen, Rede und Antwort stehen darf.
Zunächst jedoch feiern wir (nach Tagen der Trauer) stolz den Doktorhut des Sohnes meiner Frau / nach siebzehn gemeinsamen Jahren durchaus unseres Sohnes Andreas.
Herzlichen Glückwunsch und Chapeau!
Der frischgebackene, noch nicht ganz 30jährige Herr Doktor hat übrigens damals die Satire über ‚Dr. Murke‘ gleich verstanden.

Ein Nachruf (im Juli 2015)

zu Ehren von Heinrich Böll, der seit 30 Jahren nicht mehr lebt und uns doch noch immer bewegt

Der große kränkelnde Dichter, kritischer Katholik und schwieriger Humanist sein ganzes Leben,
Hat schon vor drei Jahrzehnten sich in den Garten Eden verabschiedet, den Löffel abgegeben:
Immer mal wieder seit Studienzeiten habe ich von ihm gelesen und über ihn geschrieben;
Heute frage ich mich in unserem ‚Haus ohne Hüter‘: ‚Was ist von seinem Werk geblieben?‘

Andere Trauernde suchen Kirchen heim und auf das noch geschmückte Grab ihres einstigen Vorbilds.
Ich nahm zunächst versonnen den dicken Sammelband seiner Erzählungen aus dem Bücherschrank,
Las noch einmal gerührt von Deutschland in Flammen und in Trümmern, raufte mir die Haare –
Hatte ich doch einst als junger Leser mit ihm geteilt ‚das Brot der frühen Jahre‘.

Sodann machte ich mich auf in unsere Städte hin zu den Buchhandlungen unserer Region,
Die ihre prächtigen Schaufenster für die neuesten Thriller richten,
Rechnete fest mit einem kleinen Fach für seine Romane und Kurzgeschichten.
Doch fiel dieses erhoffte ‚Gruppenbild‘ leider aus dem Rahmen (ich dachte mir das schon):

Ist der hochmotivierte Tourist sicher in deutschen Regionen gelandet,
Der liebeskranke Clown inzwischen im Männerwohnheim gestrandet?
Wo nur war vor trügerischer ‚Flusslandschaft‘ die ‚Ehre Katharinas‘ abgeblieben;
Ob sich die beiden auch nach vierzig Jahren noch immer lieben?

‚Der Zug war pünktlich‘ zu dem großen Mediencenter vor unserem Ort;
doch auf der Suche nach seinen Büchern fand sich leider nichts auch dort.
Gegen Abend erst stieß ich im Halbdunkel auf einen Vorortsflohmarkt, einen unscheinbaren,
Schlenderte ziel- und eher achtlos vorbei an einst kostbaren Angeboten und Waren.

Da fielen meine kurzsichtigen Augen, denen vieles entgeht und sonst zu trauen ist kaum,
Auf einen Haufen quer übereinanderliegender alter Bücher auch von ihm – ein wahrer Traum!
Einst Nobelpreis-gekrönt, nun spottbillig und du hättest noch handeln können ohne Pietät.
So kramte ich mein Kleingeld für einen Buchkarton zusammen, kam heim erst ziemlich spät.

Am Küchentisch las ich nun ihm zu Ehren und auf seinen allzu frühen Tod
Ergriffen seine teils unbekannten Texte aus fünf Jahrzehnten bis weit ins frühe Morgenrot.
Auf einer abgewetzten Hülle einer dieser alten Bände stieß ich (und mir wurde klamm)
Tatsächlich auf ein zur Unleserlichkeit hin stilisiertes, mir als Bub einst zugeeignetes Autogramm:

‚Für Fred 1968‘ – aus dem Jahr der Ermordung von einem weiteren Kennedysohn,
Des Bürgerrechtlers Martin Luther Kings, der Studentenrebellion,
Des blutigen Endes des Prager Frühlings, des Krieges von Vietnam:
Erinnerung an die Unvergänglichkeit, die mir fast den Atem nahm…

Diese hingekritzelten paar Buchstaben sind auf immer mir ‚Vermächtnis‘, Testament.
So lasst uns um ihn trauern mit einem ehrerbiet’gen Blick ins Firmament:
Dank ihm, der große Geschichten uns schenkte, vor dreißig Jahren uns allzu früh verließ –
Dank für die unsterblichen Texten eines großen, unvergesslichen Kölner Literaturgenies!

Dipl.-Päd. RL Fred Maurer

Gedanken und Erinnerungen an Heinrich Theodor Böll hinterlassen:

Um Missbrauch zu vermeiden erscheint der Eintrag jedoch erst nach Sichtung durch die Redaktion.

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