Lebendige Erinnerung

2. Juni 1967

Benno Ohnesorg

Benno Ohnesorg (* 15. Oktober 1940 in Hannover; † 2. Juni 1967 in West-Berlin)
war ein begabter, lebensfreudiger Student, der unser Land gesellschaftlich vorangebracht und kulturell bereichert hätte. Durch seinen gewaltsamen Tod während einer Demonstration gegen den Besuch des Schahs von Persien wurde er deutschlandweit bekannt.
Der West-Berliner Polizist Karl-Heinz Kurras traf den 26-jährigen unbewaffneten jungen Mann mit einem Pistolenschuss aus kurzer Distanz tödlich in den Hinterkopf. Ohnesorgs Erschießung trug zur Ausbreitung und Radikalisierung der westdeutschen Studentenbewegung der 1960er Jahre bei. Sein Todestag gilt als Einschnitt der deutschen Nachkriegsgeschichte mit bis heute und darüber hinaus weitreichenden gesellschaftspolitischen Folgen.
Benno konnte sein Studium nicht abschließen, seinen Beruf als Berufung nicht ausüben, sich nicht ‚unsterblich verlieben‘, keine Familie gründen, seine Kinder nicht großziehen; eine Pistolenkugel feige von hinten zerstörte binnen einer einzigen Sekunde alle Lebensentwürfe.

Ungewollt wurde Benno zu einer historischen Figur, zu einer Symbolgestalt der Studentenrevolution.
Vielfach, z.B. hier können wir den „Tod Benno Ohnesorgs kommentiert von Ulrike Meinhof“ nacherleben:
https://www.youtube.com/watch?v=R5yvzwjN8NY

Aufschlussreich ist auch der Trailer zum sehenswerten dokumentarischen Spielfilm „Der Baader Meinhof-Komplex“ (2008), der auch die Ermordung Benno Ohnesorgs zeigt. Der ausgezeichnete Film entstand freilich, bevor die erschütternde Wahrheit über den Mörder Kurras ans Licht kam.
Der todbringende DDR-Spion hat diese knappe Entschuldigung gegenüber seinem (vermeintlichen) Kollegen jedoch so oder so ähnlich gesagt: „Die [Pistole] muss wohl losgegangen sein…“

Dass die Nachrufe auf diesem würdigen Portal einerseits bedeutenden Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, andererseits den Opfern auch staatlicher Willkür, von Gewalt und Terror gewidmet sein sollten, leuchtet unmittelbar ein.
In Zusammenhang mit den schrecklichen Terroranschlägen auf die Weltstadt der Freiheit Paris und den teils vereitelten, wohl noch keineswegs abgeschlossenen Anschlägen der Folgetage stellte sich uns Nachrufenden über die nationalen Grenzen hinweg ernsthaft auch diese Frage:
Sind nicht auch manche (womöglich verirrte, indoktrinierte) Terroristen nach entsprechender Gehirnwäsche und ‚himmlischen Verheißungen‘ zwar zunächst einmal Täter, sodann jedoch ihrerseits (nach ihrem Selbstmordattentat) Opfer einer intoleranten, menschenverachtenden, todbringenden Ideologie eines fanatisch-pseudoreligiösen Nihilismus?
Auch hochgestellte Intellektuelle, bedeutende Wissenschaftler und Künstler (wie der Schweizer Autor, Philosoph, Historiker Dr. Pirmin A. Meier oder der gleichfalls mit mir befreundete deutsche Lyriker Jens Ladenburger) haben in den vergangenen Tagen darum gerungen, ob ein noch so kritischer Text auf einen Verbrecher erlaubt ist oder doch besser ‚verboten gehört‘.
Ein bedeutender, auch für Zeitungen und Zeitschriften tätiger Autor hat aus kluger Einsicht einen Nachruf zurückgezogen, was unter uns Portal-Autorenkollegen nicht etwa (um ein wenig makaber im Bild zu bleiben) für Sprengstoff sorgte, sondern für ein emotionales Aneinanderrücken im Sinne eines stummen Einverständnisses, fast von Freundschaft.

Dieser Einsicht darf und will auch ich mich nicht länger verschließen: Einen einst aus Überzeugung und Naivität entstandenen Nachruf habe ich soeben zurückgenommen – auf Ulrike Meinhof (7. Oktober 1934; † 9. Mai 1976), die lange eine begabte Journalistin war, in den letzten Jahren ihres viel zu kurzen und durch ihre Schuld gegen Ende furchtbar-sinnentleerten Lebens aber zur Terroristin degenerierte.
Schade wäre es freilich um das einschlägige Gedicht, das ihre traurige ‚Karriere‘ (samt tragischem ‚Knick‘) keineswegs beschönigt, rechtfertigt, höchstens (im Sinne des damaligen BKA-Präsidenten Herold) erklärt, vor allem auch um ihrer Opfer willen bedauert – ganz im Sinne des damaligen Stuttgarter Oberbürgermeisters Manfred Rommel, der die toten Terroristen auf dem städtischen Friedhof beerdigen ließ, weil im Tod die Feindschaft aufhöre.
Zugleich wollte ich mit einem künstlerisch ambitionierten, zwangsläufig stilisierenden und verkürzten lyrischen Text deutlich machen, dass die spitze und doch feine Feder des Journalismus wirkungsvoller und mächtiger ist als feige Bomben, Sprengsätze, Pistolenschüsse – als Denkanstoß für alle Leser und Leserinnen.
Sophie Scholl und ihre Mitstreiter von der „Weißen Rose“ haben mit ein paar Blättern Papier womöglich mehr erreicht als sämtliche wirkungslose Bomben gegen Hitler.

Den Zusammenhang zwischen Benno Ohnesorg, dem schuldlosen Opfer staatlichen Terrors, und Ulrike Meinhof, der damals noch ausschließlich journalistisch aktiven Zeitzeugin, muss ich unseren jüngeren Besuchern wohl doch knapp erläutern:
Der kaltblütige Mord an einem unschuldigen, unbewaffneten Studenten (wie wir heute wissen durch einen Stasi-Spitzel aus der DDR, der so innerdeutsche Unruhen provozieren sollte / wollte und dies auch prompt erreicht hat) führte zur Eskalation der Studentenunruhen, in deren Windschatten auch die aggressive RAF gedieh – zunächst mit dem von vornherein radikalen Gelegenheitsarbeiter Andreas Bader und seiner Geliebten Gudrun Ensslin, der sich u .a. auch Ulrike Meinhof anschloss (aber im Gefängnis von ihnen ausgeschlossen, ja gemobbt wurde).
Die linksextremistische West-Berliner Terrororganisation „Bewegung 2. Juni“ benannte sich nach dem Todestag Benno Ohnesorgs, ohne dass der sich noch gegen diese Vereinnahmung wehren konnte.
Ulrike Meinhof würde sich was ihren Irrweg zum Terrorismus betrifft gleichfalls (gegen dessen Willen) auf Benno Ohnesorg berufen. Es ist Spekulation, ob sie ansonsten – ohne diesen Mord mutmaßlich im Auftrag der DDR-Regierung – eine wenn auch ‚radikale‘ Journalistin geblieben wäre (und womöglich mit ihren Texten und Filmen gesellschaftlich weit mehr erreicht hätte).
Auch hierüber macht sich der folgende lyrische Text seine Gedanken, der in neuem unverfänglichem Kontext ab sofort samt seinem Verfasser wohl besser (d.h. nicht als Beschönigung oder gar Rechtfertigung) verstanden werden sollte.

Was wäre wenn?… im Oktober 2014
In trauriger Erinnerung an Ulrike Meinhof (anlässlich ihres 80. Geburtstags)

An den Ufern der Hunte lebte um die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts
eine begnadete zum Irrtum verdammte Journalistin namens Ulrike Maria M.
Tochter eines Kunsthistorikers und später Ziehtochter einer Friedenskämpferin
eine der rechtschaffensten zugleich und entsetzlichsten Menschen dieser Zeit
Diese außerordentliche Frau hätte bis in ihr sechsunddreißigstes Jahr
für das Muster einer guten kritischen engagierten Staatsbürgerin gelten können

Begonnen hatte sie wie eine Tochter Bertha v. Suttners oder Halbschwester Sophie Scholls
Mit Friedensmärschen gegen die atomare Bewaffnung der Bundesrepublik
Mit einem Radiofeature einer Fernsehdokumentation zu deutschen Kinderheimen
einem ‚Offenen Brief‘ an die Ehefrau des persischen Schahs
In dem sie dessen Diktatur als grausam anprangerte und die Berliner Demonstration befeuerte
Nach dem tödlichen Attentat auf zwei Studenten (der eine starb Heiligabend Jahre später)
Geriet sie radikalisiert in das Fangnetz falscher pseudopolitischer Freunde
Die nach den Anschlägen auf Wehrlose und ihrer Verhaftung zu erbitterten Feinden wurden
Von denen sie sich erst am Fensterkreuz ihrer engen Zelle befreien konnte
Aus der tragischen Verstrickung und um den Preis ihres endgültig verpfuschten Lebens

Was wäre wenn sie an der Gabelung ihres Lebens den geraden Weg eingeschlagen hätte
Heute mit bald 80 könnte sie noch immer für Zeitschriften Film und Internet schreiben
Trüge das große Bundesverdienstkreuz um ihren nicht von einer Schlinge entstellten Hals
So freilich können und dürfen sich selbst ihre Freunde von einst nicht mit ihr solidarisieren
Mit der für Konkret Schreibenden zwar nicht jedoch mit der brandschatzend Mordenden
Wir jedoch erbleichen wie einst Herr K. in Brechts berühmter Parabel
So nah also liegen soziales Engagement Brandstiftung und Mord beieinander
Ein vorsichtiger Blick in den zerbrochenen Spiegel entlarvt auch uns als potenzielle Mörder

Ganz klar, dass Benno Ohnesorg sein eigenes, umfangreiches, anspruchsvolles Gedicht verdient hat. Ich würde es gerne schreiben; dies freilich lässt sich nicht erzwingen, schon gar nicht am Ende einer anstrengenden Arbeitswoche und wenn (Mitte November, ab 17 Uhr) vermeintlich die Nacht über uns hereinbricht.
Ich werde ein Gedicht nachliefern – nicht nur ein fünfversiges Akrostichon (also ein Gedicht aus den Buchstaben seines Namens, das dennoch mehr sein sollte als eine ‚Notlösung‘).
Einstweilen denken wir auch so an das erste Opfer des sogenannten ‚Deutschen Herbstes‘.
RIP Benno!

Für Benno O. im November 2015

B ekennen wir uns mit dir zur schwer er- und umkämpften Demokratie
E rinnern wir uns in freudiger Trauer an deine Friedfertigkeit
N eigen wir schuldbewussten Mitwisser unser Haupt und unser Knie
N ehmen wir uns an deinem Grab für dein Gedenken etwas Zeit
O pfer zynischer Gewalt bleibst du auf immer ein Symbol stets gefährdeter Freiheit

Dipl.-Päd. RL Fred Maurer

Gedanken und Erinnerungen an Benno Ohnesorg hinterlassen:

Um Missbrauch zu vermeiden erscheint der Eintrag jedoch erst nach Sichtung durch die Redaktion.

© 2016 Portal der Erinnerung ist ein Projekt von hassheider koeln
Wp | Anmelden |